22.08.2010

Vom mich verlassen ... auf später, auf später!

Mir hat jemand  zwei CD's mit Vorträgen geschenkt. Der erste Vortrag ist von einem Prof. Hunter Beaumont - der Vortrag lautet: "Was die Seele wahrnehmen kann.". Beaumont wird durch eine Sprecherin angekündigt. Applaus.

Man hört ein Holzbein rutschen. Beaumont macht einen kleinen Soundcheck und dann hört man ihn ausatmen. Stille. Dann sagt er: "Als nächstes muss ich diesen Wechsel von dem Stuhl bis hierher dann überwinden oder .. wirklen lassen (10 Sekunden Stille) .. für das was ich ...etc.etc. " - Beaumont erläutert danach, dass die seelische Verbindung wichtig ist, um den Vortrag zu halten, und manchmal ginge die Seele in einen Schock, wenn sie so plötzlich die Lage verändern muss (vom Stuhl rüber zum Rednerpult).

Beaumont wartet!

Er verlässt sich (sein und fremdes Bedürfen nach 'sofort') und vertraut auf 'später' .... (sich ein paar Sekunden Zeit lassend, bis seine physische Veränderung, bis sein Dasein vom Sitz-Zustand beim neuen Sein im Redezustand DA ist, als zöge es mit etwas Verzögerung nach. Diese 'Nachziehen/Nachrücken/Nachkommen' möchte ich hier besprechen.

Ich verlasse mich immer mehr auf dieses 'Noch-Kommende' - ich nehme nur noch höchst selten die sofortige Antwort von jemandem wahr. Je schneller mir jemand antwortet oder eine PN zurücksendet, je unmittelbarer auf eine SMS eine Gegen-SMS folgt oder in einem Gespräch eine Antwort, desto weniger nehme ich diese Zeichen als gegeben oder als das Mass, an dem ich mich nun orientieren könnte oder sollte.

In umgekehrter Weise beobachte ich bei mir, dass ich auf viele Sachen, Xing-Postings, Xing-PNs, eMails, Anrufe, Briefe, etc. nicht mehr sofort antworte...

- ich lasse es ...
- ich belasse es ...
- ich verlasse es ...
- ich verlasse mich ...
- und komme von fern darauf zurück
- später
- nach einem halben Tag oder einer Nacht, nach Schlaf und Abstand
- ich vertraue dem, dem andern, dem Absender
- und ich vertraue mir, dem Empfänger
- und ich vertraue der Entwicklung im Anliegen, dem Werden, dem Wachsen, dem Erscheinen

... als zöge es meist erst nach, wie ein geöffneter Wein erst später voll schmeckt.

Und gerade, weil ich mich verlasse - im doppelten Wortsinn lesend - in dem ich sozusagen 'weiche', fass ich nicht gleich auf das Erhaltene und drücke ihm bereits meine Fingerabdrücke auf ... sondern ich weiche, damit es, ohne von mir berührt zu sein, ganz und gar eigen Ankommen kann.

Später - mañana.

Dieses Später weite ich unterdessen in vielen Prozessen und Dialogen auf grössere Zeiträume aus. Wir sprechen miteinander, wir prozessieren, wir sind in einem Coaching, der/die Coachee ist in ihrem Prozess, dem Weg zu einem erstrebten Ziel, hin zu einer Klärung, Orientierung, Krisenbewältigung, dem Überschreiten des Rubicon, ... die Kontaktpartner sind beim Ankommen, Einrichten, Wegfinden, Starten....

... und weit davon abgelöst, warte ich manchmal Wochen oder Monate auf eine Art "Später" - welches dann oft eintrifft, als Gefühl, als seelische Erfüllung, als Ganzwerden und Stillefinden. Und nicht selten, dass ich zuvor die ganze Art von Wehen und Geburt innerlich mitgemacht habe, ermüdet und erschöpft vom Abwarten, bis es dann aufgerückt ist, angekommen, nachgekommen - ...

... bis es DA ist.
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Vielleicht geht es mit dem Bild, wo man wo neu einzieht ... und irgendwann, Stunden, Tage, Wochen später kommt so ein Moment, wo man ablässt, weil man endlich da ist, in seiner neuen Wohnung, an seiner neuen Stelle, in seiner neuen Stadt, in seinem neuen Leben.

Und ich verstehe es mehr und mehr als meine höchste coachende Kompetenz, dieses mich verlassen aus mir heraus so weit und so zweifelsfrei und ausdauernd anbieten zu können, wartend, bis die Seele, deine, meine, die Seele der Sache selber nachkommen konnte und nun da sein mag.

Vorher, vorher scheint es mir nicht wirklich zu stimmen.

So gesehen, freue ich mich, wenn wer dem Wahrnehmen folgt. Vielleicht heute schon. Wie schön, wenn auch erst in 8 Monaten.

Herzlich, Jona Jakob

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