13.01.2012

Aus einer Dauer des Guten "überfordert" (zu HS)


Liebe Leserinnen, liebe Leser

In den letzten Jahren hat sich meine Situation verändert. War ich noch vor Jahren eine alerte Seele, so konnte ich das durch viel Erkenntnis, Achtsamkeit und Kleinarbeit gut verarbeiten und vieles, worauf ich früher noch reagierte, ist für mich aus der Welt. Ich 'meine', ich bin für mich richtig gut geworden - ich meine, ich hätte meine HS so weit so gut im Griff.

Es mag eine Wiederholung der Wiederholung sein, was ich nun schreibe.

Ich hatte im Dezember arbeitsame Wochen. Ich arbeitete jeweils bis Freitag und dann reiste ich abends nach Frankfurt. An den beiden Festtagewochenenden waren wir, meine Partnerin und ich, zwar easy organisiert und konnte wirklich entspannt durch die Tage und Anlässe, doch es war immer was los. Wunderbare Weihnachten. Zwischen den Jahren dann wieder in Zürich. Rückreise am Freitag. Samstag Silvester - wir waren zu einer Party im Frankfurt Sachsenhausen eingeladen. Alles easy - wie es schien.

Die wirklich lässige Party mit angenehmen Menschen war im Gange, als Elke bemerkt: "Kannst du da sein? - Wie geht es dir? Du wirkst, als wärst du nicht wirklich da."

Ich war überrascht, meinte ich doch, ich würde mich wohl fühlen und ich würde den Abend sehr geniessen. Ich antwortete: "Weiss nicht. Mir scheint alles in Ordnung - bin über dein Bedenken ganz überrascht."

Wir feierten mit den durchaus kommunikativen Gästen - im Rückblick aber muss ich erkennen: Ich riss mich bereits höflich zusammen. Es gab keine Störung oder irgend das Kleinste, was von der Party oder den Leuten ausgegangen wäre .... dennoch war ich - so muss ich es heute erkennen, längst "belastet" - da über Wochen immer etwas war oder anders gesagt: es gab in dieser Zeit keine Tage ohne Menschen und ohne Anlässe, es gab für mich keine Pausen. Meine "Empfangsbereitschaft" war dem Nullpunkt nahe und ich merkte es nicht.

Um 23.30 Uhr machten wir uns alle auf den Weg und verlegten die Gesellschaft von ca. 20 Personen in Richtung Main-Ufer, wo aufs neues Jahr angestossen werden sollte. Zuvor ich zu Elke: "Lass uns danach nicht mehr zurückkommen - ich würde nach der Böllerei gerne nach Hause." (....ich war da schon latent auf einem französischen Abgang).

Um 23.45 sind wir am Mainufer und es kracht von Feuerwerk, wie ich es noch nie erlebt habe. Wir schaffen es gerade, um 00:00 Uhr noch anzustossen und uns zu beglückwünschen, aber da geht das Getöse mit den Feuerwerkskörpern so immens los, dass man wegen des Rauchs zum Teil nur noch unter drei Metern weit sah. Viel Menschen zündeten Zeugs an, obwohl sie mitten unter Menschen standen. Floh ich wohin, wo es noch Platz hatte, war das genau jene Freifläche, auf welche die Leute ihr Feuerwerk hinwarfen - ein Minenfeld erster Güte.

Ich bekam Angst.

Ich spürte, dass ich Elke nicht wirklich mehr beschützen konnte.

Ich verlor jeden Draht zu den Gästen und Gastgebern.

Ich wusste nicht, wie lange ich diesen Rauch einatmen könnte.

Es wurde mir immer gefährlicher und riskanter.

Auf 3 Meter war nichts mehr zu sehen.

Das Risiko, an Händen oder im Gesicht verletzt zu werden, schien mir zu steigen.

Ich spürte sowas wie 'Ohnmacht', nicht zu wissen, wann Elke oder ich im Sinne des Kreilaufes nicht mehr aufrecht bleiben könnten.

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Ich nahm sie bei der Hand und floh - so schnell und so konsequent wie möglich.

Kein Blick zurück.

Keine Verabschiedung.

Kein Bescheid an die Verbliebenen (blöd und peinlich, für einen Coach, nicht?)

Ich wollte uns nur noch heil da raus bringen und wohin, wo Ruhe war.

Ich dankte Gott, als ein freies Taxi uns auf einen anderen Stern beamte.

Ich war noch den ganzen Sonntag verstört.

... und schämte mich, mich nicht von den Gästen und den Gastgebern verabschiedet, noch sonst einen Bescheid gegeben zu haben ... (später erfuhr ich, dass Elke das längst für mich und uns getan hatte).

Aber eigentlich hatte ich versagt. Mein Auf und Davon war stärker als das soziale Moment.

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Ja, ich war schlicht überfordert.

Aber von welcher Art war ich überfordert?

Was machte mein 'Abtreten', meinen fluchtartigen Abgang qualitativ und strukturell aus?

Es war nicht die Böllerei in der Situation als solche. Es war die schleichende Überforderung, auch mit schönen und genüsslichen Festtagen ohne Pause von einem Anlass zum anderen gelangt zu sein, dazwischen arbeitend, einkaufen, organisierend. Alles flutsche und lief ohne den kleinsten Konflikt ab ... alles insgesamt hatte mir längst meine "Präsenzenergie" aufgezehrt - als ich an den Silvesterabend ging, war ich bereits eine Hülle.

Das hatte ich nicht rechtzeitig erkannt.

Ich werde meine Lehren  daraus ziehen.

Ich danke meiner Liebsten, dass sie die notwendige Contenance behielt und uns korrekt aus dem Geschehnis brachte. Sie ist ein Engel und eben meine bessere zweite Hälfte. Danke.

Mea culpa.

Jona

P.S. Um ca. 18.30 Uhr lag ich auf dem Sofa, gegen 20.30 wollten wir an die Party. Ich hatte dort den Gedanken und auch das Gefühl: "Auch wenn heute Silvester ist, am liebsten würde ich jetzt zu Hause bleiben und abhängen" - in dem Moment hörte ich nicht auf mich und meine Bedürfnisse - ich folgte der Konvention der "Einladung". Das ist - bei solchen Folgen - immer wieder schwer abzuwägen bzw. einzuschätzen, gerade für Sensible.

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