31.12.2013

Neujahrswünsche oder: Jemanden 'verstehen' ist kein Prozess meines meinenden Wissens, sondern mein unvoreingenommenes Fühlen seines Seins.

Sehr geehrte Leserinnen und Leser dieses Blogs
Liebe Hochbegabte und Hochsensible
Liebe Menschen

Mir ist es sehr danach, euch zu schreiben. Ich liess mir ein paar Wochen Zeit. Früher wartete ich für das Schreiben Momente ab, wo ich in der Betroffenheit schwamm, um zu schreiben. Heute verpflichte ich mich zu Momenten, wo ich von allem frei bin, zu schreiben. Eben ist so ein Moment, mir geht es gut und ich muss nichts.

Mein persönlicher Eindruck vom vergangenen Jahr ist, dass ich viele von euch dahin verändert wahrnehme, als dass wir alle mit dem Thema Hochbegabung/Hochsensibilität (ab hier HB/HS genannt) älter geworden sind. Wieder ein Jahr, sich mit seiner HB/HS oder beruflich mit jener anderer Menschen zu befassen. Neue Eindrück, altbekannte Leiden und Konflikte, mehr Achtsamkeit und damit mehr Bewusstsein. Mit geübtem Bewusstsein auch ein "teilweise" Absehen-können davon, also weniger Drama, bei aller Ernsthaftigkeit. Das ist mein Eindruck: Reife.

Ebenso: das Umfeld, Kollegen, Presse und Berufsleute verstehen besser, was es da gibt und wie Menschen mit solcherlei Prägungen allenfalls ticken. Unternehmen verstehen es besser, Human-Research-Leute interessieren sich, es wird hier und da Rücksicht genommen, da das Verständnis wächst. Und dennoch wieder Schocks, wenn es voll daneben läuft.

Ich nehme weiter wahr, dass man das Thema am liebsten greifbar und psychologisch oder medizinisch eintüten würde, einem Nagel mit Kopf gleich. Das scheint mir ein Gefühl zu geben, damit um mehr Verstehen gerungen werden könnte, um Verständnis und Wertschätzung, allenfalls Schutz bei Behörden, Schulen, Krankenkassen etc. Der Sache habhaft werden und sie organisieren - ich verstehe den Wunsch danach.

In dem selben Jahr "ist in mir die Sache weniger" geworden, ohne an Grösse zu verlieren. Die Grösse wurde eher grösser. Noch mehr Gruppen unterschiedlich Betroffener zählen für mich dazu oder habe ich neu kennen gelernt. Die Leisen. Die Asperger. Die Alten. Ganz junge. Frauen anders als Männer. Eltern mit deren betroffenen Kindern. Noch kaum erfasst: alle die mit ihrer Herkunft sich in einer Art Fremde fühlen und umgekehrt fremd gefühlt werden. Künstlerinnen, Künstler. Die Unsensiblen. Unbedachte. Wer immer. Was aber wurde 'weniger'? 

Eine leere Landebahn.
Weniger wurden meine Fragen oder mein Wunsch, die Hochbegabung und Hochsensibilität als Begriff zu erfassen, als würde ich damit an Kompetenz gewinnen. Mehr Kompetenz empfinde ich mE darin, wenn ich zu erkennen, zu spüren und zu verstehen vermag, wenn wer leidet. Darf ich mit dem Menschen in seine Situation oder Moment, kann ich - ohne Hindernis von Fachwissen - fragen: Warum oder weshalb leidest du? Und dann sind alle, wirklich alle Türen offen, nicht nur die der Hochbegabung oder Hochsensibilität. Und dann ist es oft eben nicht, "zu viel zu hören", "zu viel zu fühlen", "zu viel oder zu wenig zu denken und ertragen zu müssen" - meist ist es, dass dies nicht verstanden wird.
<< Dieser Mensch, ob hochbegabt, -sensibel oder sonst sich selbst, fühlt sich nicht verstanden - DAS will ich immer wieder neu erfühlen. >> Jona Jakob, 2014

Meine Meinung fürs neue Jahr ist, dass wenn ich mich nicht zu sehr mit dem beschäftige, was Hochbegabung oder Hochsensibilität wissenschaftlich und in Vereinen und Verbänden sein könnte, stellt sich mir DAS nicht in den Weg zu jenem Menschen, der gerade mir gegenüber oder bei mir sitzt und der verstanden werden möchte. 

In mir ist der Wunsch, Menschen als "Jetzt-im-Moment-Thema" zu verstehen, und dass eine Hochbegabung oder Hochsensibilität dabei nur eine mögliche Ursache ist. Vielleicht ist es Einsamkeit, Fremde, Unangenommenheit, Verlust oder Trauer, die jenen Menschen vor mir erscheinen lassen, dass er oder sie "sich einfach nicht verstanden fühlt". Das Thema heisst nicht Hochbegabung oder Hochsensibilität oder sonst wie. Das Thema heisst "Sich-nicht-verstanden-fühlen" - eine Bodenlosigkeit, eine Ohnmacht, ein Orientierungsverlust, Angst, Schmerz und Traurigkeit von grösster Dimension, für die ich mich zukünftig weiter öffnen können möchte, ohne gedanklich "zugestellt" zu sein.

<< Jemanden verstehen ist kein Prozess meines meinenden Wissens, sondern mein unvoreingenommenes Fühlen seines Seins. >> - Jona Jakob, 2014

So geht jede und jeder ein nächstes Stück Weg. Dies wird wohl für eine Etappe meiner.

Ich wünsche Ihnen und euch allen einen wunderbaren Start in die neuen Wochen, ins neue Jahr und auf Wege, wo jemand euch begegnet, der sich hinsetzen mag, so dass ihr ihm vielleicht zeigen könnt, worin ihr unverstanden seid und gerade dort einmal angenommen werden möchtet - ankommen dürfen, landen, auspacken, sich ins Gästebett legen, nach einem Teller Abendbrot, von dem niemand etwas von euch erwartet.

Versuchen wir es alle weiter ... - lieben Dank euch hierfür.

Mit den besten Wünschen und Gedanken für 2014

Jona Jakob
Zürich und Bern

26.11.2013

Rechte oder linke Gehirnhälfte? Mach jetzt den Test.

Über den folgenden Link kann man auf der Website von Sommer + Sommer einen Test zum Thema linke oder rechte Gehirnhälfte machen. Dauert ca. 5 min. 



Wie sich das mit den Gehirnhälften verhält, zeigt die nächste Grafik: 


Mein persönliches Resultat war - zur eigenen Überraschung - 50:50! :-)


20.11.2013

'idiotes' im antiken Wortsinn - aus 'Der Idiot und seine Zeit' von Botho Strauss

Ich lese zur Zeit das neue Buch von Botho Strauss 'Lichter des Toren'. Dort gibt es auf den Seiten 10 und 11 folgenden Text, den ich hier zitieren will: 

Zitat, eingefügt. Die Quelle wird am Ende des Textes angegeben. 

Es ist nicht so, dass der Ungesellige oder Unbeteiligte, 'idiotes' im sozialen Sinn, bereits identisch wäre mit dem Kyniker oder gar dem Debilen. Er bleibt zuvörderst staatsbürgerlich, jedoch mit dem Anspruch, sein Beteiligtsein mit einer aufs äusserste gespannten Empfindlichkeit auszuüben. 


'l'homme isolé', der Unverbundene, der Unbegreifliches spricht. Er dreht sich wie eine abgerissene Rose im Flussstrudel zielstrebiger Menschen - Menschen im Konsens. Eingemeindet. Zugehörige eines wundersamen Einvernehmens. Zielstrebige Leute, doch über ihr Ziel täuschen sich alle.

Privatperson. Gemeinschaftsstümper. Idios: beiseite, abseits befindlich; den einzelnen betreffend,dem einzelnen zugehörig. Idioteía: Privatleben. Torheit.

Der 'idiot savant', wie man zuerst den Autisten nannte, wäre als Begriff zu entlasten und vielleicht verwendbar für jene Abenteurer, die anders verbunden sind als nur untereinander. Das VerbundenSEIN wiedererstarkt in der Absonderung. Der Abgesonderte ist ja der 'idiotes' im antiken Wortsinn.


Autor: Botho Strauss, Autor, Essayist, Dramaturg

Rezension aus 'Neues Deutschland'

13.09.2013

Wenn Sie dir "alles Gute" oder "das Beste" wünschen - was ist das für mich? - oder: Mein "Dankeschön!"

Gestern war wieder mal Geburtstag. Was erlebe ich diesen Tag in wohl allen Farben und Schattierungen. In all den Jahren zeigt sich dieser Tag in immer neuen Varianten und mir selber, mir selber entzog er sich meist jeder Konvention, dem des Gratulierens und Beglückwünschen.

An dieser Stelle möchte ich mich bei all euch lieben Menschen bedanken, die mir vor-, gestern und auch jetzt noch gratulierten und mir fürs neue Lebensjahr "alles Gute" und auch "das Beste" wünschten.

Laughing Stock
Was aber ist für ein bunte Seele wie mich "das Beste"? Was wünscht sich einer, der mit seinen Prägungen der Begabung und, und ich betone: und! seiner Sensibilität, sein Leben lang alles reinzog, was das Leben hergab? Was kann noch kommen, für einen, der mit 50 nach einem Ende des Lebens fragte, ohne tragische Absichten, mehr philosophisch, was nun, nach dem Abflachen des Lebens in technische Moderne seit 2000, was kann jetzt noch kommen? Die Menschen starren laufend auf Bildschirme, nehmen noch mit zwei Sinnen wahr, können sich kaum noch ausdrücken oder überhaupt über sich nachdenken. Und zu allem hinzu bedient eine Industrie uns Konsumenten mit dem Flachsten, dem Billigsten und dem Bequemsten in Häppchen, in mundgerechten Häppchen. Was also kann bei so einer gezüchteten Langeweile der Präventionen, der Vorsicht, der Fahrradhelme und Navigationsgeräte noch Spannendes in mein Leben gelangen, was für mich "das Beste" sein könnte?

Dieser gemeinen, teils ungerechten aber durchaus sinn'vollen Frage bin ich nachgegangen und auf eine Antwort gestossen, die mich ermutigt. Wenn ich mich selber als eine Art Fläche oder eine Baumkrone vorstelle, die ein Puzzle wäre, dann sind für mich, den immer und immer wieder alles Durchkauende, die spannensten, die verrücktesten, die intensivsten und wahnwitzigsten Dinge jene, die am äussersten Rand dieses Puzzles die fehlenden Teile darstellen. Dinge, Momente, Begebenheiten, welche aufsmal wie angegossen passen, passen zu all jenem, was mich schon ausmacht und mich bildet und baut und was eben ganz aussen an meinem Rand  mich noch grösser werden lässt, oder tiefer, runder, völler, unendlicher. Bloss keine Ende finden.

Wenn sich ein Hochbegabter und Hochsensibler etwas wirklich wünscht, dann ist es, nicht gefragt zu werden, was er oder sie sich wünsche, sondern beschenkt zu werden mit oder von einer Sache, die ganz da draussen in seinem Leben zu ihm passt, wie ein Massanzug.

Warum? Weil ihm das zeigt, wie bzw. dass er/sie von der schenkenden Person verstanden und gesehen wird. Es fängt schon damit an, dass die schenkende Person mit grosser Unsicherheit sich überwinden musste. Denn sie kann sich nicht sicher sein. Wie wenig braucht es, daneben zu liegen, wie heikel ist das Unterfangen? Doch den Mut haben, loszulassen und es zu wagen, und dann zu treffen bedeutet uns Hirnfuzzis meist alles.

Spirit of Eden
Meine Liebste hat dieses Jahr eine wunderbare Story kreiert, indem ihr ein "Fehler" passiert ist. Mein Herzblatt weiss, dass ich die Solo-Konzerte von Keith Jarrett seit Jahren liebe und fast alle als CD höre. Eben letzthin wies ich sie auf den Wiki-Eintrag zum Köln Concert hin und zu der Erschöpfungsdepression, die sich Jarrett, vermutlich aufgrund dieser Improvisationen oder seines inneren Engagement, holte. Und eben, da stand dann auch, dass er nach 2000 in Tokyo und Osaka ein neues Solo-Konzert geben konnte, was weltweit mit Erleichterung aufgenommen wurde.

So beschenkt mich mein Engel mit der CD "Tokyo '96", mit Jarrett, Peacock & Dejohnette. Das war der "Fehler". Denn das, so muss man wissen, ist a) eine CD, die ich mir vor Jahren schon gekauft hatte, und b) es ist Jazz. Es ist das Jazz-Ensemble, mit dem Jarrett viele CDs aufgenommen hat. Es ist aber nicht das Solo-Konzert aus Tokyo nach 2000. Ich umarmte meine Liebe und erklärte ihr die Situation.

Weil wir nun den Umtausch erwägen, machten wir uns auf die Suche nach der richtigen CD bzw. dem richtigen Konzert - und was fanden wir heraus?

- Es gibt eine DVD vom Tokyo-Konzert, von 1985 (es gibt nur eine DVD, keine CD)
- Es gibt die CD 'Radiance', von 2005, welche die Solo-Mitschnitte von Tokyo und Osaka als Doppel-CD wiedergibt (das ist die gesuchte CD)

Und mit diesem kleinen Suchkrimi sind wir beide am äusseren Rand meines Seins um ein Stück reicher geworden. Wir werden 'Radiance' bestellen, auf das mein Hören an der Stelle wächst, ob in die Weite oder Tiefe meines Lebens, verpackt, in diese wunderbare kleine Geschichte, die die Liebe zwischen mir und meiner Besten wärmend und lebensfroh ummantelt.

Und wenn wer mag, kann er oder sie sich bei mir melden - was würde es mich freuen, wenn Keith Jarrett, Gary Peacock und Jack DeJohnette für ihn oder sie jenes Stück Jazz wären, welches den nächsten Sonntag schmissiger machen würde. Schreib einfach, lass uns teilen.

Ich danke fürs Wanken, für jene Schritte, die uns nicht sicher sind.

Aber was ist nun "das Beste", was man mir fast 100mal wünscht?

"Das Beste", das ist, was zu mir passt, als wärs meins, so wie ich bin.


Jona Jakob,
Zürich und Bern

Und falls euch Jarrett sonst eher anstrengend erscheint, dann geniesst von ihm diese Streicheleinheit:
http://www.youtube.com/watch?v=oB9KsaTjgxM&feature=related

27.08.2013

Ihre Schönheit - Oder: Wie meine Hochsensibilität vielschichtig wahrnimmt und fühlt

Der Beitrag soll an diesem Beispiel zeigen, WIE ein Teil meiner HS in und für mich arbeitet. / JJ

Seit einiger Zeit gibt es einen kleinen aber sich fortsetzenden Dialog zwischen E. und mir. Die Frage, die fast keine Antwort findet, lautet: Welche Frau gefällt dir (denn)? Wann findest du eine Frau schön? Im ersten Moment lautet meine Antwort: Keine, oder kaum eine, das ist so selten, dass mir eine gefällt. Das klingt im ersten Moment verletzend. Das klingt vermutlich für fast alle Menschen arrogant. Und nun fängt an, was ich unterscheide.

Es sind Momente des Erscheinens, die mir mit jemandem oder an einer Sache ein Gefühl von 'schön' schenken. - JJ

Es mag für den Begriff der Schönheit einer Frau eine allgemeine, eher normative Vorstellung geben, was genau damit betrachtet wird. Was wird denn betrachtet, beschaut oder bewertet? Es mögen Dinge sein wie ihre Augen, ihre Haare, ihre Figur oder ihre Erscheinung, also Dinge. Dinge, von denen wir eine Vorstellung haben, ob real oder als Bilder aus Medien und von Vorbildern von Frauen, die wegen ihrer "Schönheit" erfolgreich berühmt oder auch reich sind. Es sind Bilder von greifbaren Dingen.

Und darauf reagiere ich mein Leben lang nicht. Ich sehe fast nichts in Bildern. Keinen Raum, keinen Menschen, auch nicht Frauen, kein Tier oder ein neues Auto. An mir geht Design und Form weitgehend vorbei, jedenfalls ist das Bild von der Sache nichts, was mich überzeugt. Damit reagiere ich so wenig auf "allgemein Schönes", wie auch auf "allgemein Unattraktives". Bestimmt, auch ich habe ein Ästhetikgefühl, mag eine Sache mehr und sage einer anderen Sache ab. Doch schon mit jungen Jahren wusste ich, dass mir die Schönheit eines Mädchens im Sinn dessen, was man allgemein mit dieser Aussage verband, kaum etwas zutrug oder wie früher gesagt wurde: Damit hatte ich nicht warm gegessen.

Als vor wenigen Wochen die TV-Sendung 'Catch the Millionaire' lief, und sich 20 Frauen um drei Männer bewarben, kommentierte ich irgend etwas während der Sendung und wieder fiel die Frage von E.: 'Welche gefällt dir denn?' Ich: 'Keine, da ist niemand dabei, die mich bewegt. Die sehen schon gut aus, aber das berührt mich nicht.' Wieder stand auch diese beiderseitige Ratlosigkeit im Raum, ob nun für E. aber nicht minder auch für mich, warum ich tatsächlich vor dem TV für keine der Frauen eine Regung hatte, die mich hätte äussern lassen, dass mir diese oder jene gefällt.

Um das Gegenteil zu verdeutlichen: Ich bin schon aus Trams gestiegen, habe mein Auto gestoppt und das Fenster geöffnet, bin umgedreht und hinterhergelaufen, um einer Frau zu sagen, wie schön sie sei und ich das jetzt hätte sagen müssen, da es ja sonst schade wäre, sie hätte sich so viel Mühe gegeben und niemand würde das nun sehen, ihr Kleid, den Hut, den Gang, den Ort, die ganze Erscheinung. Ich kann sehr wohl eine Frau schön finden. Was also sehe ich anders, als im ersten Moment von mir erkundet, wenn man mich fragt: 'Welche findest du schön?' und ich mit 'keine', antworte.

Mit dieser Erfahrung und mit dieser alten Frage bin ich in letzter Zeit bewusster umhergewandert. Es gab z.B. eine kleine Sache, als damals dem William seine Kate berühmt wurde und die Hochzeit angekündigt wurde, so dass sich alle um die Kate bemühten. Ich sah mir die Bilder in den Gazetten an und was war meine Äusserung?: Sie sieht toll aus (Kate), doch wer hier für mich die Frau wäre, die mir als "schön" gefallen würde, dann wäre das für mich ihre Mutter - die sieht für mich gut aus." Wochen später bemerkte Karl Lagerfeld genau dasselbe, so dass ich mich mit meiner Abweichlerei etwas bestätigt fühlte.

Eine andere Sache, die andere getrost von mir aussagen würden, ist diese: seit meiner Jugend habe ich keine Strenge gehabt, was Figur, Herkunft oder Aussehen hatte. Niemand würde behaupten, ich hätte je das Model gesucht. Habe ich auch nicht, denn das nährte mich im Zusammensein mit diesem Menschen noch nie. Auch dann nicht, wenn so eine Gesellschaftsschöne in unserer Clicke verkehrte und vielleicht mit einem anderen Jungen in Verbindung stand. Nett, aber mich nicht mobilisierend oder elektrisierend. Da war nichts.
-
Gestern lief ein Film aus dem Jahr 2000. Es spielte in der Hauptrolle Charlotte Rampling im Film 'Sous le sable - Unter dem Sand'. Und jetzt bitte nicht dem Gedanken verfallen, ich fände Charlotte Rampling "schön". Aber ich fand während des Films einen Teil einer möglichen Anwort. Rampling kann abends nicht schlafen und geht nächtlich nochmals in die Stadt. Dabei überquert sie im fahlen Licht eines Pariser Viertels in ihrem schlammfarbenen Manchestermantel, ihren halblangen Haaren und dem kürbisorangen, fast okkernem Schal, den Stiefeln und einem membran unsicheren Gang eine kleine Strasse, wie wir alle von einer Seite auf die andere wechseln, zwischen geparkten Autos hindurch, und da war sie für mich "schön".

Es dauerte vielleicht 3 Sekunden. Alles war für mich vollkommen. Jeder Pflasterstein, jede zertretene Kippe, jedes tränende Perlen in ihren verhangenen Augen, die stets leicht verbissene Lippe und das Wippen aus dem Schlendrian, mit dem sie nicht wusste, wohin sie wollte, die Hände in die Taschen gesteckt, den Schal kurz richtend, um sich an irgendetwas festzuhalten, so schwebte sie für Sekunden über den nachtnassen Asphalt und für mich ergab sich in dem Moment das Ganze, so dass nichts von allem hätte mehr das sein können, als wofür es in dieser Welt da war. Ein kleiner Wahnsinn von Moment, eine Vollständigkeit, ein Bild. Schönheit.
-
Es gibt für mich keine schöne Frau. Es ist für mich ein ein falsches Verstehen, eine falsche Verwendung, den Begriff 'schön' auf eine Frau zu beziehen, wie es täglich millionenfach unreflektiert getan wird. Die Frau bleibt für mich Frau. Jede Frau.

Die Schönheit einer Frau hingegen, die ist für mich 'ein Moment'. Sie ist nicht ein Konkretes. Sie ist abstrakt, wird nicht greifbar und damit weder messbar noch bewertbar. Sie hat kein Abbild oder eine Form. Sie erscheint. Sie reitet mit, in Dingen wie Ausdruck, Moment, Dasein, Vollkommenheit, Arrangement. Sie vermittelt mir im Sehen die anderen vier Sinne und lässt mich kostend spüren, was gehalten im Duft inne wird. Sie ist nicht wirklich zu fotografieren. Schönheit ist für mich kein Anblick - Schönheit ist für mich eine Wahrnehmung aus dem Ganzen. 

Charlotte Rampling in 'Sous le sable' - 2000

Und so kann für mich jede Frau schön sein, dann, wenn nichts von allem mehr das sein vermag, als wofür es in dieser Welt da ist.


Jona Jakob, Zürich

Nachtrag: 

Wenn ich also 'so' wahrnehme und zu emotionalen Regungen gelange, wie es mir nur ein komplexer Augenblick abhängiger Geschehnisse zu verdichten vermag, lebe und liebe ich, wenn alles gut geht, von einer unheimlichen Intensität und in grösster Wonne, egal was angestrebt wird. Jeder Moment kann dann so zauberhaft werden. 

Wenn ich also 'so' wahrnehme und zu emotionalen Regungen gelange, wie es mir nur ein komplexer Augenblick abhängiger Geschehnisse zu verdichten vermag, lebe und liebe ich, wenn es schlecht geht, von einer unheimlichen Intensität eines Fallens in die Leere einer Enttäuschung, egal was angestrebt wird. Jeder Moment kann dann berührungslos und verkannt, verpasst und versaut bleiben, bis meine Seele schreit. 

Und in genau das, das Volle oder das Leere können Sie sich nun einfühlen: 
a) ob Sie selber überhaupt in der Lage sind, so verdichtet wahrzunehmen, bis ein Moment entsteht? und
b) wenn Ja, von welcher Art und Weise Sie begegnen müssen, um einen Magic-Moment mitzubilden. 

Sie brauchen ein Faible und aus diesem heraus noch ein Flair. 

Glauben Sie es mir. Es ist eine Kunst, eine höchste Kunst. 

02.05.2013

Seine HB kennen oder nicht kennen ...

Seine eigene Hochbegabung zu kennen oder nicht zu kennen, das ist wie zwei Franken haben oder nicht haben - das macht dann vier Franken!

Jona Jakob, April 2013

08.04.2013

Übervoll stehe ich mir Weg.

Ich möchte eine Beobachtung beschreiben, was immer auch subjektiv wahrgenommen ist:

Ich begegne zu den unterschiedlichsten Anlässen Menschen, die von einer Hochbegabung geprägt sind. Es gibt freundschaftliche Begegnungen, Gespräche mit Fachpersonen, Gespräche mit Klientel (diese zählen eher nicht, weil die ja vom Setting her den Raum bekommen).

Ich schreibe und beschreibe den Beitrag NICHT mit Blick auf Coachinggespräche, sondern hinsichtlich ganz normaler Begegnungen und dem verpassten Selbstmanagement, weil der Vulkan tanzt (sag ich mal). Es spielt dabei keine Rolle, ob wir uns face-to-face, am Telefon oder per Skype austauschen.


Und dann läuft folgendes ab (meine Beobachtung):

Die andere Person erscheint mir ÜBERVOLL, wie ein Glas überschäumende Cola, wo alles schaumt und quillt und klebrig am Rand des Glases runterläuft. Wenn es gut geht, hört es nach 30 min oder 1h auf. Im schlechteren - aber nicht selteneren - Fall, bleibt das überquillen bis am Ende des Gespräches bestehen, was auch mal 3h dauern kann.

Was beobachte ich dabei:

- grosse Augen, aufgeregtes vorne sitzen (auf Stuhl/Bank), Jacke noch nicht ausgezogen, Tasche oder Gepäck wird irgendwo hingewuselt

- ich werde eher mager begrüsst: flüchtig, ohne viel Empahtie, wie angespannt

- die Person fängt eher gleich an zu erzählen, womöglich in "Kapitel 3", ohne Anfang, ohne Einleitung, gleich mit Annahmen, Voraussetzungen, mitten drinn, für mich erst einmal kaum erfassbar

- in Lokalen können solche Personen kaum etwas bestellen. Das Servierpersonal steht da und fragt nach Getränken oder Essen und die Person kann das Personal kaum wahrhaben, weiss dann nicht, was sie bestellen will und ordert irgendwie. Eine Speisekarte bekommt kaum aufmerksamkeit bzw. kann kaum konzentriert gelesen werden. Alles geschieht hastig und zerfahren.

- Wie es mir geht, auch jetzt, wird nicht wahrgenommen, hat irgendwie keinen Platz.

- Würde ich mich nicht vehement einschalten, unterbrechen, das Gespräch strukturieren, es würde ein schier nicht erkennbares Durcheinander von Wirklichkeiten, welche einzig dem Kopf (und der übervollen Seele) der sprechenden Person entweichen.

- - -

Und dann kommt das nicht ganz schadenlose Ende des Gesprächs:

Ich beobachte dann ein hastiges Aufbrechen und Verabschieden, irgendwie und wo und tschüss ... spüre aber in jenem Moment (meine Wahrnehmung) folgendes:

Es entsteht just in dem Moment ein von der anderen Person ausgehendes Gefühl von Traurigkeit, nun doch zu vermissen, dass wir nicht miteinander im Kontakt standen. Erst jetzt flimmert so etwas wie Aufmerksamkeit, Zuneigung, Kontakt, Empathie auf, irgendwie verzweifelt meinend: "Dass ich so viel gequasselt habe ist nicht, was ich dir sagen / zeigen / zu spüren geben wollte, sondern mein Überlaufen hätte so gerne, angenommen / verstanden / gesehen / gefühlt zu werden." Plötzlich spürt die gehende Person, dass sie es sich mit all dem Gequassel "versemmelt" hat, einen Moment des Beisammeseins entstehen zu lassen, der so viel wichtiger und ersehnter wäre, als der Wasserlass des zu viel Gesprochenen. Dabei war man gekommen, um genau dieses Verstehen abzuholen, diese mir mögliche Fähigkeit, "dich zu hören" - auch wenn du kein Wort sagen würdest.

- - -

Ich bin über viele Jahre als Gesprächsberater ausgebildet. Ob privat oder beruflich kann ich nicht nur enorm zuhören, sondern ich kenne mich durch und durch damit aus, was im Geben und Nehmen von Hören und Sprechen abläuft. Für dien hiesigen Fall gilt kurz gesagt:

Stell dir das überquellende Cola-Glas vor. Stell es dir vor, wie es überläuft und verschüttet und klebt. Und dann frag dich, WIE soll jemand nun an das Glas kommen? WIE soll in der Situation irgendetwas bis an dich gelangen? Ob gefühlt, gehört, gezeigt?

Es ist nicht so, dass von der Gegenseite (hier: ich bzw. von mir) keine Achtsamkeit, keine Empathie, kein Verstehen da ist. Nein, das ist alles da und durch und durch angeboten. Doch meine Beobachtung ist es, dass das angestaute Überquellende die Person selber verhindert, von jenem etwas für sich herübernehmen zu können, was wegen der Überfülle so sehr ersehnt würde.

Ich empfehle daher:

1. Phase (vor der Begegnung): Kann ich meinen Gesprächfreund entgegennehmen?

2. Phase: Kann ich mich ein Stück weit leer machen (keine Gedanken, keine Ideen, keine Themen - vielmehr Zeit, Stille, Ruhe, ohne Gespräch im Moment verbleiben, allenfalls Empathie anbieten, selber zuhören)

3. Phase: Kann ich fühlen, was ich gerade fühle? Kann ich orten, ob ich ein Thema besprechen möchte, ODER OB ICH VIEL MEHR FÜR DIE IDEE DES THEMAS JEMANDEN MÖCHTE, DER MICH VERSTEHT, DER MICH ANNIMMT?

4. Phase: Könnte ich allenfalls sagen: Egal, was alles ich an Ideen und Projekten ich dir hier zeigen und mitteilen möchte, eigentlich möchte ich hierfür viel mehr verstanden, angenommen, aufgenommen werden. Mir ist mehr nach menschlichem Mitgefühl als nach Durchkauen obliegender Gedankenfeuerwerke?

RUNTER VOM GAS.

Dann klappt's nämlich auch mit dem Nachbarn.

> Versprochen.

- - -

Kennt ihr das?

Kennt ihr das als Zuhörende?

Kennt ihr euch selber "so"?

Kann es sein, dass der Wunsch nach Annahme einem zum Ablassen aller inneren Aktualitäten knüppelt, obwohl das sich nicht eignet, von jemandem angenommen werden zu können?

Kann es sein, dass meine Landebahn so voller eigener Flugzeuge verstellt ist, dass niemand hier noch landen könnte? Bleibe ich daher ungesehen?

Stehe ich mir allenfalls genau selber im Weg?

Herzlich fragt

Jona Jakob

07.01.2013

Hochbegabung Typ 1 und 2 - von Jona Jakob

Guten Morgen

In meiner Arbeit mit Hochbegabten Erwachsenen, welche sowohl hochsensibel oder nicht hochsensibel sind, haben sich für mich zwei Typen von Prägungen durch Hochbegabungslebensläufe herausgestellt: 


Ich unterscheide 


Hochbegabung Typ 1: Der Intelligente
Von Geburt mit hohem Intelligenzquotient geboren, lernt, besteht Abschlüsse, arbeitet erfolgreich, entwickelt sich als Mensch unter normalen Umständen, schlägt voraussichtlich eine akademische Laufbahn ein, lebt mit einem klugen, allenfalls wissenschaftlichen Kopf. Ich verbinde mit diesem Typ eher keine Hochsensibilität.

Hochbegabung Typ 2: Sensitive Frühverantwortliche oder «Checker-Typ»
Kindheit und Jugend sind geprägt durch übermässige Frühverantwortung, sei es wegen familiärer Probleme, Resilienzentwicklung oder zu frühe Übertragung von Verantwortung, was vom Auftragerteiler wie vom Kind positiv erlebt wird, aber doch überfordert, so dass das Kind zum Checker wird. Hier verbinde ich eher Hochsensibilität: Weil das Kind auf Fragen keine Antworten findet, muss es fühlen/erahnen/checken, was gut sein könnte. Es entwickelt sich
und seine Intelligenz aufgrund eines 10 – 30 Jahre dauernden «Gedankenkarussells» von Denken, Fühlen, Unsicherheit und mangelnder Rückbestätigung.  


Hochbegabung Erwachsene Typ 1 und Typ 2 / by Jona Jakob, Schlieren bei Zürich, 2013
                                                                                      


Diese beiden Typen unterscheiden sich stark in ihrer
- Lebensgeschichte
- Grundvertrauen
- Persönlichkeitsentwicklung
- Orientierungen

Damit verbunden sind höchst unterschiedliche Coachinganliegen sowie Lösungswege wie Strategien für die Zielerreichung in Coachings.


Beide Typen haben sowohl unterschiedliche Stärken wie Schwächen, Chancen und Gefahren.


Beide Typen können ihre Kindheit und Jugend als "stärkend/positiv" oder als "belastend/negativ" erlebt haben, was nochmals sehr unterschiedliche prägen kann.


Besten Dank.


Jona Jakob