03.02.2014

Hochbegabung Typ 1 + 2: Wissen vs. Erfahrung

Im Internet kursierte eine simple Grafik, die für mich Anstoss wurde, mich intensiver mit deren Groteske zu beschäftigen. Die Grafik stellt den Begriff 'Wissen' gegenüber dem Begriff 'Erfahrung' gegenüber:


Man kann darüber schmunzeln, doch beim Betrachten und Suchen nach Hintergründen, verbergen sich dahinter weitreichende Grundlagen und Zusammenhänge, die auch für das Wesen und dich Charakteristik unterschiedlicher Formen von Typen von Hochbegabung zu beachten sind.

Vor gut einem Jahr schrieb ich in diesem Blog den Beitrag von den Hochbegabungstypen 1 + 2, wobei ich den Typ 1 als den 'Wissenden' beschrieb und den Typ 2 als den Erfahrenen, den Checker, der vom Leben geprägt sei. Diesen Beitrag finden Sie hier:
http://begabt-sensibel.blogspot.de/2013/01/hochbegabung-typ-1-und-2-von-jona-jakob.html

Welche Begriffe müssen beachtet werden:
  • Wissen (richtig, falsch, vollständig, unvollständig)
  • Erfahrung des Einzelnen (Subjektivität)
  • Erfahrung einer Gesamtheit (Empirie)
  • Wissen und Erfahrung im Aussen und im Innen
  • Autopoiesis
  • Individuation

Es würde den Rahmen eines Blogbeitrages sprengen, hier alles darzulegen. Was ich hier knapp ansprechen vermag, ist, dass es zwischen den beiden Dingen Wissen und Erfahrung einen bestehenden Konflikt gibt, den fast ein jeder Mensch austrägt. Warum?

Die beiden Worte Wissen und Erfahrung müssen erst einmal als Begriffe eines 'Aussen' und eines 'Innen' erkannt und verstanden werden. Im Aussen ist Wissen sozusagen unsere Bücher, Bibliotheken und Universitäten dieser Welt. Wissen als Sammlung allen Wissens. Und Erfahrung im Aussen ist, was per wissenschaftlich sauberer Studie gesammelt werden konnte (Empirie). Es sind kollektive und historische wie psychologische Erfahrungen, welche als eine Form von allgemeinem "Wissen" oder als 'Erfahrungsansatz' für gültig erklärt werden.

Dem gegenüber, dem

  • Wissen im Aussen und
  • Erfahrungen im Aussen,

stehen unser persönliches Wissen im Innen (unvollständig / unsicher / ungeprüft) und unsere persönlichen Erfahrungen im Innen, als subjektive Wahrnehmungen (gefühlt / gespürt / mit 5 Sinnen aufgenommen / einsam).

Hier ist ein erster Konflikt zu beachten, nämlich meine 'anerzogene' Hoffnung (Schulnoten / Zeugnisse / Abschlüsse / Diplome), dem Aussen, dem Wissen und den Gesetzen der Allgemeingültigkeit möglichst perfekt entsprechen zu können / vermögen. Ob mit leicht lernendem Kopf oder mit viel Fleiss, wir bemühen uns normalerweise und unablässig so sehr, uns dem niemals Erreichbaren zu nähern, sei es als Wissen, Diplome, Kreuzworträtsel, Theorien, Sudoku oder Quizteilnehmer. Gescheit und gebildet sein um jeden Preis. Das ist überprüfbar, belegbar, beweisbar, greifbar, machbar, das zeichnet uns aus und hält jedem Vergleich weltweit stand. Und selbst, wenn wir uns dem Thema der Erfahrungen nähern, tun wir das heute eher "kopfert", nämlich in dem wir allgemein gewonnenes Erfahrungswissen (was man so sagt) nachplappern und sich ihm kaum geprüft anschliessen. Was die Gruppe gut findet, finden wir auch lässig, was modisch ist, fühlt sich hip an, wie es sei, verliebt zu sein, lässt sich nachlesen und online buchen. 

Dem gegenüber beschreibe ich den Typ 2 von Hochbegabten, deren kindliches Schicksal aus einer Not bestand, mit ungegebenen Dingen das Beste daraus zu machen. Der Bruch mit dem Normalverlauf wurde existenziell, d.h. überlebensnotwendig. Das bedeutet aber, dass diese Menschen das Normalwissen des Aussen und dir Regeln wie Gesetze des Aussen und auch die Erfahrungen des Aussen zu Teilen ignorieren mussten. Sie mussten mit diesen allgemeingültigen Leitplanken brechen, um nicht aus dem Leben zu geraten, sondern doch zu gelingen. Und darin besteht mit den Jahren der Entwicklung die Über-Begabung, nämlich über die Allgemeingültigkeit von Wissen und Erfahrung des Aussen hinaus in Bereiche und Dimensionen hinein Bescheid zu wissen, wo der Normalo oder der Gescheite einfach nicht hin musste. Denn was musste der Typ 2 Hochbegabte tun, um kindlich sich zu retten und ein wohlfeiler Mensch zu werden?

Er musste sich auf sich verlassen!

Der Typ 2 Hochbegabte, musste sich auf seine innere Stimme, seine Entscheide, seine Entschlüsse und dann auf seine gemachten und zu machenden Erfahrungen stützen. Da war keine offizielle Lehre für seine Situation. Der Typ 2 Hochbegabte ging in die Schule des Lebens oder in die "Strandakademie". Vielleicht besuchte er die Schauplätze seiner Alkoholikereltern, seiner Borderline-Väter und -Mütter, seiner elterlichen Gewaltorgien oder der familiären Armutsgebiete. Ich kann nicht wissen, warum ein Kind bis hin zum Erwachsenen sich an eine Spezialsituation über das Mass des Allgemeingültigen anpassen musste, so dass diese Anpassung zur Spezialschule des Lebens wurde. Doch was ich dabei sofort erkennen kann: Solche Menschen tragen Ihre hohe Kompetenz darin, sich auf ihre inneren Informationen von Wissen und Erfahrung stützen zu können, als Dinge, die sich bewährten und mit denen sie überlebten und voran kamen.  Diesen Menschen braucht man keine Ratgeberliteratur in die Finger zu drücken, die brauchen selten Anleitungen oder Handbücher. Solche Menschen erkennen allein in Bruchteilen von Sekunden, in welcher Situation sie gerade stecken, ob unter Mitmenschen oder in Abteilungen und Organisationen. Menschen mit solcherlei Hintergründen haben Instinkt und Intuition und sie fühlen die kleinste Nuance. Sie sind hochempfindsam für die eigenen Angelegenheiten. Dass dabei Ablehnung, Zweifel, Einsamkeit und Zynismus auftreten können, kann sein. Das lässt sich aber zu einem gesunden Menschen hin in kurzer Zeit entwickeln. Eine tolle Theorie für diesen Typen Menschen steht hinter dem Wort 'Autopoiesis' (siehe Wiki). 

Was möchte ich als Ermutigung abschliessend festhalten: 
  • Wer als Hochbegabter ein gescheiter Kopf ist, der mit Leichtigkeit allgemeines Wissen in sich vereinbaren und zur Anwendung bringen kann, der soll das tun und soll sein Wissen einbringen. Dort, in Forschung und Entwicklung, in Qualität und Schule wird seine Aufgabe liegen.
  • Wer als Hochbegabter ein Meister seiner Erfahrungen ist, soll erst sich entwickeln (geschulte und geklärte Selbsterkennung, hin zur Individuation), so dass er von seiner Leidensgeschichte wegkommt. Danach soll sich so jemand der Menschwerdung zuwenden, als Autor, Trainer, Coach, Sozialarbeiter, Pfarrer, Menschenbegleiter, Menschenanleiter, etc. denn es geht nicht um sein Wissen, es geht um die Kompetenz, sich auf sich selber verlassen zu können ... eine Tugend, die allen kopferten Schlaumeiern der Wissensliga mehr und mehr abhanden kommt, da eben nicht bei sich, sondern bei den Büchern, Smartphones oder Ratgebern weilend, jenem blinden, aber illusorischen Perfektionsstreben, hin zu den fremdbestimmenden Systemen, dem Konformismus per se. 
Es sind zwei Lager. Und die Wissenden verhalten sich in der Überzahl. Das bedeutet aber nichts. 

Wohlan. 

Jona Jakob
Zürich und Bern

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