10.02.2016

Geburtsfamilie oder Lebensfamilie?

Hallo zusammen

Nach all den Jahren im Kontakt mit Menschen mit Prägungen durch eine Hochbegabung (HB) ist ein Thema mE das meistgewünschte und irgendwie oft am wenigsten gelöst. Warum? Weil sich viele Hochbegabte von anderen Menschen unverstanden oder - wichtig - zu entscheidenden Anteilen unverstanden fühlen.

Beispiel:
Ein junger HB-Mensch sucht eine Stelle im Berufsfeld der Programmiererinnen/Programmierer. Er oder Sie ist 24 Jahre alt, hat ein Studium mit und ist persönlich in der Thematik vertieft. Was die Mutter nun "redet" ist etwa:

- "Er/Sie sucht gerade eine neue Stelle."
- "Ich wünsch mir ja so, dass du endlich etwas findest."
- "Willst nicht versuchen, den oder die anzuschreiben, vielleicht haben die ja "etwas" für dich."



Wo das gegenseitige Verstehen noch kongruent ist, also irgendwie 'gleichauf', das ist in dem Normalo-Denkbereich "Junger Mensch sucht Anstellung". Worin die Mutter aber nicht folgen kann, ist jener ganze (An-)Teil für den jungen Menschen, der genau weiss, welche Programmiersprachen (Wiki: Programmiersprachen) er/sie gerne programmieren würde. Niemand in der Familie hat Ahnung, was es da alles gibt. Der junge Mensch war erst 20, als er für einen Code einen der heiss begehrten Awards der Branche gewann. Aber nicht einmal der Vater konnte sich an der Auszeichnung so richtig freuen, niemand in der Familie eigentlich, weil niemand wusste / verstand / einschätzen / bewerten / nachvollziehen konnte, was die Auszeichnung, dazu Englisch verfasst, bedeutete / darstellte / ausdrückte.

Das ist jene 'Partielle Unverstandenheit', die ich meine. Genau an den Gipfeln, den Aussenrändern von Fachthemen, im 'Aussen' der Lieblingsbeschäftigungsfelder ist niemand mehr, der einem dort hin zu folgen vermag. Wann immer sich ein HBler an seinen Tisch setzt, um zu codieren, zu entwickeln, zu forschen, zu philosophieren oder nach Lösungen sucht, ist er sofort alleine. - Noch eben sass er mit seiner Familie am Küchentisch, ob mit der Geburtsfamilie oder seiner ehelichen eigenen Familie - und es wurde über Tagesnachrichten gesprochen, über die Kinder, die Schule, den Arbeitgeber. Bis dahin "funktioniert" das Miteinander, der Austausch, die Transaktion und ganz besonders:

a) das gegenseitige Verstehen und damit das

b) gegenseitige Einfühlen

c) im Umfang des nächsten Grades an Intellektualität ist gleicher Austausch möglich

d) in allem, was darüber hinaus geht, ist der "Gescheite" alleine.

Man ist in seinem Menschsein als Persönlichkeit beschnitten / begrenzt / gedeckelt / unangenommen und missverstanden. Und am Tisch mit dem Abendessen ist es für den HBler, als müsste er mit einem Sportwagen mit 30 Km/h durchs Wohnviertel "waten".

Fehlt nur noch, dass das Umfeld den Zustand für sich reklamiert:

- Du mit deinen Ideen ..
- Bleib doch mal auf dem Boden ..
- Ja du wieder ..
- Kanst du nicht normal?

Da jeder Mensch die Annahme, die Akzeptanz und das Geliebtsein seiner Person als lebenswichtiges Bedürfnis in sich trägt, ohne dass da ausgewichen werden kann, ist das eine der wichtigsten Stellen zum Thema Hochbegabung: Es empfiehlt sich daher dringend, den Gedanken einer Lebensfamilie (Andrea Brackmann) zu verstehen.


Lebensfamilie versus Geburtsfamilie - was ist die Idee?


Die Idee ist es, zwei Gedanken für sich selber nicht zu missachten:

1. Niemand wird mir das Problem abnehmen - nur ich kann dafür sorgen, dass es mir besser geht.

2. Ich muss also selber schauen, Menschen zu finden, mit denen ich mich gegenseitig so vollauf wie möglich verstehe - gefühlt verstehe, angenommen verstehe, intellektuell verstehe, geliebt verstehe.

Und wo sind die nun? Das weiss ich auch nicht. Aus meiner eigenen Lebensgeschichte heraus bin ich - ich konnte das erst viele Jahre später als Rückschau wahrnehmen - unbewusst zuerst von Bern nach Zürich und 25 Jahre später noch von Zürich nach Frankfurt gezogen. Warum? Am neuen Ort wurde mehr gesprochen, mehr ausgetauscht, die Menschen waren schneller und häufiger redselig, die Gespräche waren inhaltsreicher. Das ist an dieser Stelle keine Bewertung von "besser oder schlechter". Es zählt einzig, dass es mir besser ging, über Tage, Wochen, Monate und Jahre mit mehr Rückmeldung zu leben.

Darüber hinaus entwickelten sich die sozialen Netzwerke, die nun seit acht Jahren nähren. Über diese Weise gewann ich unzählige Kontakte, konnte mich einbringen, wurde aufgenommen und als Freund oder Feind in die Auseinandersetzung miteinbezogen. Ich besuchte in Zürich jahrelang eine offene Gruppe für Philosophie (Café Philo). In Frankfurt sind es Abende im 'Salon Integral' oder bei der 'Dialog Gruppe Rhein-Main'.

So fand ich mit der Zeit eine Art Lebensfamilie. Menschen, mit denen ich mich in der Weise austauschen kann, dass meine Seele Ruhe findet. Bei mir sind es Gespräche, Gedanken, Fragen nach den Entwicklungen. Und über das Internet, die Städte, die Sprachen und Landeskulturen bis hin zu den Gruppen fand ich einzelne Menschen, mit denen es für mich ein grosses Vergnügen ist, mit ihnen Zeit und Beisammensein zu erleben.

Ich mache heute keinen Halt mehr vor der Geografie. Das Internet, die ICE-Züge, mein Selbstmanagement bezüglich Hochbegabung, das alles hilft mir, mich zu organisieren, gut für mich zu sorgen, auf dass ich Austausch kriege, von Wien bis Bern, von Zürich bis an die Nord- und Ostsee.

Und wenn ich etwas bedaure, dann, dass meine Fremdsprachen Französisch und Englisch nicht vertieft genug sind, mich in diese Geografien schriftlich eintauchen zu lassen. Mündlich geht es, aber schriftlich kriege ich die Trennschärfe nicht wirklich hin.

So möchte ich euch empfehlen, diesen Aspekt einmal für euch zu prüfen, immer wieder einmal Bilanz ziehen und schauen, ob euer Portfolio an Menschen für den möglichst vollständigen Austausch / Verstehen / Fühlen / Lieben besteht und ihr darin einen guten Teil findet, was euch gut tut und womit ihr anderen gut tun könnt. Dann nämlich erträgt sich auch Mutterns Liebe ein Stück leichter, die es bestimmt gut meint.

Es kann sein, dass eine Lebensfamilie nicht alle Bedürfnisse abdeckt, die man in seiner ganz persönlichen Hochbegabung ersehnt. Selbstarbeit, Mut zur Einsamkeit an der Spitze (Leistung / Erfolg / Wissenschaft), eigene Projekte und Werke, Publikum oder Leserschaft, Follower und Communities können weitere Felder sein, die einem Resonanz angedeihen lassen - oder unterrichten, informieren, vortragen, präsentieren.

Hinweis:
Es gibt solcher "Geburtsfamilien" noch weitere:
- der Vorstand von einem Verein
- die Organisationsgremien eines Verbandes
- das Management eines Unternehmens
- zuständige Behörden
- etc.

... sie können für einen Hochbegabten in einzelner persönlich-menschlicher Erscheinung, wie aber auch als Leistungspaket (Organisationskultur / Managementkultur / Verwaltungskultur / Finanzierungskultur, ec) "zu dumm" erscheinen.

Wenn ein Hochbegabter meint, jemand oder etwas sei ihm schlicht zu dumm - dann ist damit nicht zu hören: die anderen sind dumm - nein. Die Anderen sind und bleiben ok. Die Aussage ist eine Selbstaussage und bleibt beim Hochbegabten, der seinen Eindruck subjektiv "so" erlebt. Das ist also keine Bezichtigung an fremde Adresse, sondern eines der Probleme, mit denen man wegen seiner Hochbegabung zur recht kommen muss.

Was bleibt: Man muss es sich selber schaffen, diesen Garten - es hängen nicht einfach Früchte am Weg. Sucht und findet euch - immer und immer wieder.

Beste Grüsse

Jona Jakob
Zürich Bern Frankfurt


Für die Region D-CH / Zürich gibt es eine Internet-Community, die informelle Treffen ermöglicht:





http://www.meetup.com/de-DE/Hochbegabte-Hochsensible-Erwachsene/



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