04.09.2017

Über den Verlust eines sensiblen Begabten - was das genau bedeutet

Sonntag, den 3. September 2017 - ich verfasse aus Trauer folgende Zeilen:

Für mich ist es weder leicht noch selbstverständlich, dass ich einen Freund finde. So einen richtigen Freund. Einen, wo ich abends noch hinlunger und der dann draußen sitzt, ein Bier anbietend. Ich fand, es ist kein halbes Jahr her, in vier Jahren den dritten, hier in Aschaffenburg. 

Der erste starb nach sechs Monaten an einem Hirnschlag. Der zweite verabschiedete sich nach einem halben Jahr Gespräche in eine tiefe Erschöpfungsdepression, ist weiter nicht erholt.

Nun Nummer Drei. Gleich gegenüber in dem beleuchteten Geschäft und Haus. Stephan konnte mich vom ersten Gespräch an ergänzen. Er weckte in mir die alte Lust auf Kunst und Können. Er war massiv hochsensibel und es gab für uns keinen Bedarf, uns uns selber zu erklären. Wir waren einfach beieinander, konnten die Welt in Traurigkeit von Clowns ermessen, verstanden Abgründe des Flachen und lungerten damit schallend lachend rum. Witzereisser, wir beide. Hüftschützen und ungnädig darin, Ansprüche zu definieren, bloß um feixend gemein zu sein.

Er, der Kunstbewanderte und Kenner, Gönner und Aktivist. Er war so einer, der montagsmorgen bei sich auf dem Teppich seines schwer erklärbaren Ladens sass, die weißen Stoffhandschuhe an, mit denen er behutsam eine überdimensionierte Mappe mit Zeichenblätter im Grossformat von Christian Schad erlas. Ihm kam, wenn überhaupt, nichts 'Unreines' ins Haus. Das Hinterletzte noch hatte Anspruch und Qualität. 

Da rief er vor wenig Zeit mich an, bat, ich möchte rüberkommen. Ich hatte keine Ahnung, was er da wollte. Und trete ich bei ihm ein, sitzt er da vor einer gemalten Arbeit und fragt mich, was ich davon halte. - Er, er fragt mich, was ich davon halte. Es gibt schlechtere Komplimente und Zeichen von Vertrauen.

Heute wird mir auf der Strasse mitgeteilt, dass Stephan D. bei einer Radtour vor einer Woche einen Herzinfarkt hatte und er am Dienstag beerdigt würde.

In mir bricht gerade mein Balkon ab. Jener Balkon seinem Laden gegenüber, über dessen Gasse wir so oft ein herzliches Wort wechselten, im Zuruf und nonverbalen Verstehen von Gesten und Gesichtern.

Scheisse.



Bild: Eine Arbeit seiner Frau. Vase aus Glas, faustdick, wie beim Menschen ein Herz, unendlich bunt, unendlich vernarbt . Ich hatte sie im Frühjahr für Elke erstanden. Jetzt liegt mir das Ding mit seinem Gewicht schwer in der Hand, als hielte ich sein Herz.

Meine liebe Seele, Unruh, Zeitwerk, Geist - lieber Freund, vielleicht lässt sich dein Fordern als ein Stückweit erhalten. Die Gasse wird noch lange Dich sein. 

Jona


Es ist eine Sache, 'mein Verlust' - es ist eine andere, was der Welt verloren geht


Es spielt keine Rolle, wie es mir persönlich geht. Was aber eine Rolle spielt ist, wie es dem Kosmos damit geht. Der Welt. Dem Universum. Anderen Mitmenschen. Der Gesellschaft. Unserer Nachhbarschaft, hier am Agatha-Platz, Ecke Karlstrasse. DA spielt es eine substanzielle Rolle:

Mit einem Begabten wie Stephan konnte ich

  • mich ganz und gar verstehen - da war kein Unverständnis, auch kein partielles
  • mich ganz fühlen - es war viel reicher, bei ihm zu spüren, da er so weit zu fühlen vermochte
  • ich hatte ein komplettes Gegenüber
  • ich hatte viel mehr, als ein komplettes Gegenüber - ich hatte einen Früchtebaum
  • Menschen von solchem Wesen nenne ich meine "Zweit-Komponente"

Denn mit solchen Menschen können Begabte und Sensible
  • sich selbst sein - aber vollständig für einmal! Sich selbst sein, ganz und gar. 
  • ihre ganze Kraft zur Entfaltung bringen, schöpfen, wach sein, lebendig
  • man ist erst einmal vollständig, klingt ganz und gar

Und damit - UND NUR SO - kann oder könnte ich wachsen / mich entwickeln. Das mein Verlust. Was aber der Welt und dem Universum verloren geht, ist das Folgende: 
  • unsere gemeinsam genährten Ideen
  • unsere fortgeschrittenen Ansprüche seltener Erfahrungen 
  • unsere Avantgarde / das Entdecken / das Explorieren
  • Element der Kreativität / der Fantasie / der errungenen Träumerei / der Vorstellung
  • Fundamente der Kritik / Wachsein / Vorahnungen / Spüren
  • Ausrichtungen / Bewegungen / Movements / Trends / Speerspitze
  • Neues
  • Früchte / Versuche / Scheitern / es neu Versuchen / Durchbruch / Kunst / Können
  • Neuland / Erruption / Befruchtung / Trächtigkeit / Geburt / Schaffen
  • Undenkbares / Unvorstellbares / Unerkanntes 
  • Ganz viel Gefühl / Mut / Hoffnung / Humor / auch Wahn und Fatalität / Forschheit

Dem Universum, bis runter zur Nachbarschaft und jener neuen Energie, die durch einen Nachmieter in die Gasse zieht, wird es folgen haben, dass Stefan, der Honigtropfen der Kunstszene Aschaffenburg, dieses Stück Lab, sein Schaffen, Wirken und Engagment nicht mehr mit uns fortsetzen und ausbauen kann. Es spielt keine so grosse Rolle, ob es noch eine Ausstellung gegeben hätte - was eine Rolle spielt ist, dass einer der wenigen, die sich nicht pragmatisch der Selbstoptimierung unterwarf, einer der frei die Unabhängigkeit lebte, als Kraft und Orientierungspunkt nicht mehr zur Verfügung steht und daher mit seines GLEICHEN nicht wirklich weiter befruchtet, auf das es Früchte trägt. 

Ich kann mit ihm nicht mehr sparkeln, spinnen, weitertreiben. Und es fehlt damit ein Partner, der im selben Geiste das 'Plus Ultra' mitträgt. befruchtet und stemmt, als wäre es das Normalste auf dieser Welt. Dieses hochgehaltene Selbst-Bewusst-Sein, was andere unzulänglich mit "Künstlerleben" zu fassen versuchen, das fehlt nun und kann kaum ersetzt werden. Und DAS ist der Schaden. Nicht mein Schmerz. 

Bedenkt das mal. Und pflegt eure Zweit-Komponenten, auf dass es sprudelt, spritzt und sparkelt. Es muss schäumen, sich aufbäumen, Raum einnehmen und sich massiv aus sich heraus bewegen.

Alles andere ist Folgen und Erledigen - auch wichtig, aber nicht mehr, wenn es keine gibt, die vorausgehen und ganz vorne alleine segelnd den Menschen explorieren, unser Sein entdeckend.





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