05.07.2015

Ich mache mir die Welt wie sie mir gefällt. - Die Schneekugeln unter den Begabten

Das Menschliche zeigt sich in vielerlei Formen.

Meinen Beobachtungen nach, die persönlich bleiben, meine ich, dass es immer noch viele Menschen gibt, welche eine Hochbegabung und/oder Hochsensibilität (folgend HB/HS genannt) als eine Art "Zusatz'Eigenschaft" der eigenen "normalen" Persönlichkeit" verstehen. Als würde ich ein Auto sein und mir einen Anhänger zusätzlich anhängen.

Das ist aber eine falsche Sicht auf das Bestehende - nämlich: Jeder Mensch steht mit seiner Persönlichkeit da, egal, wodurch geprägt und geformt, erzogen und allenfalls traumatisiert. Unsere Persönlichkeit und deren Entwicklung und Entfaltung ist weitaus massgeblicher, wer und wie wir sind, als ob sich noch die Prägungen einer HB/HS zeigen.

Unsere Persönlichkeit, die eines jeden Menschen, ausnahmslos, entwickelt sich spätestens ab der Minute der Geburt. Als Annahme darf davon ausgegangen werden, dass wir alle gesund und heil zur Welt kommen. Auch die Seele ist da in ihrem Grundvertrauen gemittet.

Was mir beim Thema Hochbegabt/Hochsensibel zu oft vergessen wird: Egal wie intellektuell und sensuell geprägt sein mögen, wir stecken unser Leben lang zu jedem Zeitpunkt in den vier Stufen der Ok-Seins-Zustände, welche Perl und Harris für die Grundlagen der humanistischen Psychologie entdeckt und definiert haben:
  • Ich bin nicht ok - Du bist ok
  • Ich bin nicht ok - Du bist nicht ok
  • Ich "bin ok" - Du bist nicht ok
  • Ich bin ok - Du bist ok
Diese vier Formen bzw. Zustände stellen in sich selbst ein jeweiliges Weltbild dar, eine Art, wie ich die Welt gerade zu verstehen und empfinden vermag. Das führt dann auch zu meinen Gefühlen, Bedürfnissen und entsprechenden (Über-)Lebenstrategien, von der gemässigten Resilienz bis zur gespaltenen Persönlichkeit.

Vielleicht kennen Sie noch meinen Blog-Beitrag, wo ich zwei Typen Hochbegabter trenne und daraus eine Typ 1 und Typ 2 mache - Blogbeitrag hier: 

Jetzt möchte ich folgendes aufzeigen, um Transparenz und Verständnis zu schaffen - und last but not least ein gewisses 'Gespür' für eine weitere Unterscheidung: 

Beide Typen, ob Typ 1 oder 2, können durch Lebensumstände der eher heftigen Art in jene 3. Ok-Seins-Stufe geraten, wo sich ein Mensch - aus welchen Gründen auch immer, aber meist aus Gründen des nackten Überlebens - selber für "ok" erklärt. Weil die Welt schlecht erfahren wird, weil einem niemand liebt und achtet, wertschätzt oder sonst wie integriert, weil man verstossen wird und für schlecht beurteilt, erklärt man sich selber für "ok". 

Das ist bestimmt ein trauriger Umstand. Es ist aber gleichzeitig das persönliche Abdriften in eine eigene Welt. Man schliesst mit dem Aussen in Selbstbestimmung ab (da es einem ja schlecht entgegenkommt) und lässt nur gelten, was man selber im Griff hat (kontrollieren und manipulieren kann).


Man fängt an und macht sich seine Welt, wie es ei'm gefällt. 

Was bedeutet das fürs Miteinander, für die Kommunikation und für Vereinbarungen, ob privat oder in der Arbeitswelt: 
  • Es wird nur angestrebt, was dem eigenen Leiden gut tut, egal, was zuvor besprochen
  • Es wird die Realität verschoben und was nicht passt, wird passend gemacht
  • Es wird jede Bedrängung und Verantwortung so ausgelegt, wie es einem passt - täglich neu
  • Es wird eine eigene Realität geschaffen, die alles zurechtbiegt und nur die eigene Brille trägt
  • Es zeigt sich oft eine sehr schräge Auslegung zu Fragen der Gerechtigkeit
  • Es zeigt sich latent eine Opferrolle oder Retterrolle - beider soll geliebt und geehrt werden
  • ... ich könnte hier weiterfahren, was noch alles...
Was können Zeichen für solche eine "eigene Welt" (Selbsterklärtes Ich-bin-ok) sein:
  • Die Person bettelt förmlich um Anerkennung, Liebe, Wertschätzung, ganz nach Bedarf
  • Die Person ist hochgradig eloquent (redegewandt) und weiss es immer zu drehen
  • Intelligenz, Wachheit, Schlagfertigkeit beeindrucken einem, so dass man darauf reinfällt
  • Die Person entschuldigt sich nicht (nie), sondern legt die Dinge eigens ganz anders aus
  • Die Person legt sich ins Zeug für "Liebe / Würde / Werte / bessere Welt / Retten / etc)
  • Die Person lehnt kategorisch alles ab (von ignorieren bis züchtigen), was gegen ihre Welt geht
  • etc. etc. 
Bedürftige interagieren so, dass nicht unser Miteinander gedeiht, sondern die eigene Notlage genährt wird.

Diese Formen können bei Menschen ebenfalls in Stufengraden auftreten, also von gering intensiv bis massiv intensiv. Solche Menschen haben anfänglich ein betörendes und attraktives Erscheinen, man fühlt sich gut aufgehoben und umgarnt. Sie kümmern sich gerne um einem (um entweder wieder Anerkennung oder überhaupt irgendwie Liebe zurück zu bekommen). Beim Kümmern richten Sie es gleich so ein, dass man aus der Falle schier nicht mehr rauskommt. Ich würde es beschreiben, als würde mich eine liebestolle Krake mit ihren Armen an zig Stellen umgarnen, kitzeln, verwöhnen und letztendlich aussaugen und in die Tiefe reissen, mir die Augen und Sinne verdrehend, bis ich untergehe. Ebenso werden alle (strategischen) Interaktionen aufs höchste 'persönlich' und 'möglichst menschlich nah' gestaltet. Das hilft dabei, den Sachziel-Kontext, z.B. eine Anstellung, eine Stellenbeschreibung, eine Funktion oder Stellenbeschreibung, Pläne und Konzepte, also sachliche Rahmenbedingungen und Ziele ausser Acht zu lassen. Die zählen dann einfach nicht. Die würden ja auch nur der Organisation bzw. dem Unternehmen etwas bringen - aber nein, es muss mir etwas bringen, sonst ist es in meiner Welt schlecht und abzuwehren.

Warum beschreibe ich dies zum Thema Hochbegabung/Hochsensibilität? Weil meine Beobachtungen dahin gehen, dass dieses meist jahrealte Überleben im Dasein dieser Menschen zu Strategien des Überlebens geführt hat, welche sie höchst gescheit, versiert, erfahren und ganz besonders überprüft und kontrollierend gemacht hat. Es sind hochgezüchtete Survivors. So viele Tricks und Schliche, unterbewusste Nothandlungen, Sublimes und Ergatterndes, um zu nichts Geringerem zu gelangen, als zu Liebe, Vertrauen, Beziehung und Annahme wie Anerkennung (Existenzielle 3. Stufe der Maslow Pyramide). 

ABER: Wie einleitend geschrieben: Mit der Selbsterklärung "Ich-bin-ok" topfe ich mich in meine Welt ein. Ich schliesse alles andere aus, alles, was mir nicht passt und nicht kommod ist. Ich glase mich ein. Und obwohl ich massiv versuche, vom Aussen, also von allen anderen Menschen Würde, Respekt, Anerkennung und Liebe zu erhalten, gelingt es mir in dieser Entwicklungsstufe meiner Persönlichkeit nicht, mit mir selber zu diesem Aussen zu gehen. Ich komme aus mir nicht mehr heraus. Daher muss ich alles, was ich von aussen erhalten könnte, in meine Welt reinziehen, es ebenso eintopfen und einglasen, hinter meinen Vorhang, hinter meine Glaskuppel. Und dort muss es gefügig sein und sich immer und immer wieder meinen Auslegungen unterwerfen. Ausserdem darf alles, was und wer je eingetopft wurde, mich nie mehr verlassen. Verlassen werden, abgewiesen werden - das ist der Horror in meiner eigenen Welt, das ist das Grausamste, was mir widerfahren kann. Gnade Gott, wer versucht, mir das anzutun. Und nicht nur ich werde hierüber richten - nein, meine Gefolgschaft, meine Partei, meine Social-Network-Verknüpfungen, sie werden alle erfahren, wie schlecht du mich behandelt hast - und da sie von mir genügend liebkosend umgarnt wurden, werden sie nicht anders können, als mir zuzustimmen und auf meiner Seite zu bleiben - ach was für ein schönes Gefühl von (falscher, da selbstprojizierter) Zuwendung. Egal, meine Welt ist schön, dafür sorge ich schon. 

Bei dieser oft sehr hohen Intelligenz muss ich dennoch fragen, ob sie brauchbar ist? Vermutlich nein. Sie ist intelligent, gescheit und massiv wie blitzschnell - sie ist aber nicht brauchbar, da es ihr mehr oder weniger nicht möglich ist, in Gelassenheit in echtem und zweiseitigem Kontakt zu stehen. Es ist damit weder ein Sein, ein Schaffen noch ein Beziehen. - Klar, solche Schneekugeln von"Begabten" und sensiblen Persönlichkeiten werden mir etwas ganz anderes "beweisen". 

Der obige Artikel basiert auf eigenen Beobachtungen und Wahrnehmungen.

Ich danke für Ihr Interesse.

Mit besten Grüssen

Jona Jakob
Zürich Bern Frankfurt

P.S. Zum Wort 'Bedürftigkeit':
Wir alle haben Bedürfnisse. Immer und zu jeder Zeit. In einem 'normalen/gesunden/heilen' Zustand, sind und bleiben es Bedürfnisse. Geraten diese Zustände aber in ein übergrosses, meist jahrealt kummuliertes Manko, entsteht eine Bedürftigkeit - ein Übermass an jenem sonst normalen Bedürfnissmass.

Nachtrag:
Jeder Mensch bleibt ok. Mein Beitrag könnte 'richtend' wirken. Dem ist für mich, Jona Jakob, aber in mir nicht so. Ich achte auch solche Menschen und versuche, ihre Geschichte und ihr Leben zu verstehen. Ich schreibe aber als Coach für Hochbegabte, als jemand, der Menschen im Lebenskontext der Selbstverantwortung begleitet. Als Coach darf und werde ich nicht Menschen begleiten, die in einer Not leben müssen - hierfür sind Therapeuten und Hilfe jene Stellen, die einen korrekten Kontext gestalten können. Aber als Coach, der die Selbstverantwortung im Kontext der Begleitung verantwortet, kann ich nicht nur, nein, hier habe ich den Auftrag, das eine vom anderen zu unterscheiden, so, dass es erkennbar wird. In diesem Sinne ist der Artikel verfasst. Ich hoffe dennoch ganz und gar, eine jede und ein jeder möge es schaffen, in dieser Selbstverantwortung frei leben zu können, egal, über welchen langen Weg. // Jona Jakob