02.03.2017

"Das Glas sei nur halbvoll ... nur die obere Hälfte!" - Schlausein als verführendes Elixier

Ich vergesse nie, wie ich 2008 in Andrea Brackmanns Taschenbuch 'Ganz normal hochbegabt' die Stelle las, wo sie beschreibt, dass man Hochbegabten nichts vormachen kann. Sie würden zu gerne dazu neigen, den Therapeuten zu entlarven, ihn sozusagen zu knacken, und dagegen helfe nur höchste Authentizität, ein x-wie gelagertes Vormachen ist nicht.

Es ist ja auch keine Schwäche, wenn man einem Hochbegabten nicht mehr zu folgen vermag. So darf das nicht verdreht werden. Vielmehr ist es
  • a) ein Gap, also eine Differenz zwischen IST und SOLL (Wiki: Gap-Analyse) und 
  • Wichtig: Wenn diese Differenz störend ist, ist sie ein Problem

Hinweis zu diesem Beitrag:
  • Was dieser Beitrag zu beschreiben versucht, bleibt ein Versuch
  • Der Autor meint nicht, für die Situation eine Lösung haben zu müssen
  • Der Autor gibt zu, rumzusuchen, zu versuchen, eine Klärung zu schaffen
  • Der Autor hofft, irgendwie eine Orientierung zu finden, einen Weg, eine Betrachtungsmöglichkeit
  • Der Beitrag betrifft meiner Erfahrung nach ca. 2% aller Hochbegabten, also sehr, sehr wenige Personen

In den nun neun Jahren Arbeit mit dem Thema Hochbegabung sind mir ab und zu Menschen begegnet, welche mir gleich vermittelt haben, sie würden mir nicht trauen oder jenem, was das bisherige Wissen zum Thema Hochbegabung hergebe. Ich solle das nicht persönlich nehmen, sie hätten auch nie Lehrern, Ärzten, den Gesetzen, Verträgen, der Medizin noch Therapeuten vertraut. Sie hätten stets alles endlos hinterfragt und sich dann selber eine 'Wahrheit' gebildet. Leider sei es aber unterdessen so,dass sie niemand mehr verstünde, niemand mehr ihnen folge oder weiter Beachtung schenke und sie selber auch nicht mehr wüssten, wie oder wo sie sich im Leben oder Beruf noch weiter entwickeln oder sonst wie orientieren könnten - zumal andere ja (im Aussen) viel erfolgreicher scheinen würden oder es konkret seien, was Rang, Titel, Status und Geld oder Geschäftserfolg anginge.

Diese oder ähnliche Beschreibungen kommen mir vor, als würde jemand über sein "nur" halbvolles Glas klagen - aber die bestätigte Hälfte an Völle sei die obere Hälfte des Glases. Von der unteren Hälfte wird nicht gesprochen, als gäbe es die nicht, als sei dort kein Weg. Aber genau betrachtet gibt es auch 'nach oben' keinen wirklichen Weg, da der Rand des Glases fix ist, es müsste bildlich überlaufen und wäre ohne weiteren Halt, was der beschriebenen Form mE nahe kommt. Kein Halt mehr. Keine Ortung mehr. Keine Koordinaten, keine Rückkopplung, ob als Tiefenmesser, Lot oder Funkfeuer einer Landmarke.

Während ich hier schreibe fällt mir eine Geschichte ein, die uns vor 40 Jahren ein Lehrer vorlas. Der Schweizer Autor, Peter Bichsel, schrieb eine Kindergeschichte von einem Mann, (Zitat)

So etwa wenn Peter Bichsel über einen alten Mann schreibt, der nach und nach alle Wörter durch "Jodok" ersetzte, oder über einen anderen, der sich überlegt, daß es keinen vernünftigen Grund gibt, warum der "Tisch" "Tisch" heißt, und folglich beschließt, ihn von nun ab "Teppich" zu nennen. Das führt er fort, bis schließlich die Beschreibung eines typischen Morgens so klingt "Am Mann blieb der alte Fuß lange im Bett läuten, um neun stellte das Fotoalbum, der Fuß fror auf und blätterte sich auf den Schrank"

Die Protagonisten scheitern an eigens schlauen Ideen. Das 'Schlaue' als das verführende Elixier. Wenn ich als Coach in den Jahren zum Thema Hochbegabung einen schlauen Satz hervorbrachte, dann überzeugt mich selber noch heute:

Viel wichtiger als die Kenntnis und Ergründung der Erscheinungen und Ausprägungen der eigenen Hochbegabung sind alle Kenntnisse und Ergründungen der Erscheinungen und Ausprägungen der mir fremden Normalos. 

Jona Jakob, 2012

Besprechungstisch für Lösungen.

Es gibt von Barbara Henninger folgenden Cartoon:

Oder

Calvin: "People think it must be fun to be a super genius,
but they don't realize how hard it is to put up with all the idiots in the world."

Hobbes: "Isn't your pants zipper supposed to be in the front?"


An dieser Stelle dürfen meine Worte und Ansichten keinen Streit der Rechthaberei vom Zaun brechen oder bewertend wem Unrecht tun. An dieser Stelle ist nur zu erkennen, dass man "so gesehen" nun eine höchst persönliche Wahl, einen selbstverantwortenden Entscheid treffen kann, ob man über das Glas hinaus lebt, die Vermutung nicht ausser Acht lassend, zu vereinsamen, unerreichbar, ja sogar verschroben und irgendwie zu werden. Das Risiko ist da. In etwas ähnlicher Gesellschaft wäre man wohl auch noch, wenn man als Genie oder Künstler anerkannt würde. Aber was, wenn nicht?

Man kann an dieser Stelle aber auch einen Gedanken und vielleicht einen Entscheid wagen, anstatt nach oben, nach unten zu explorieren. In die untere Glashälfte. Das würde nicht meinen, man müsste die obere Hälfte dabei nun gleich ignorieren oder verlassen. Dem ist wirklich nicht so - gerne kann weiter ganz weit vorne oder draussen gedanklich fortgeschritten werden - NUR behalte ich gleichzeitig im Blick, mit dem Rest der Welt in Verbindung zu bleiben.

Der "Rest der Welt" zeigt sich soziodemographisch oder auch als menschliche Bedürfnisse als PYRAMIDE - die grössten Massenanteile sind 'unten', ebenso die grössten Märkte, für jene unter den Begabten, die viel Geld verdienen möchten. Eine Bankenwerbung in den 80ern lautete: "Je höher der Anspruch, desto kleiner die Auswahl." - Selbe Bank plakatierte etwas später: "Wahre Grösse kennt keine Kleinen."

Ich entschied mich etwa 2012, dem Normalo entgegenzugehen, was schon alleine eine Form der Überheblichkeit darstellt - die lässt sich nicht gleich abwischen. Die - sagen wir nun - "andere, die zweite Hälfte" des Glases ist nicht weniger komplex, stark, gewachsen, entwickelt und strategisch bewaffnet. Ich habe heute grossen Respekt vor dem Umfeld um mich, welches mir dennoch oft fremd bleibt. Es wurde mir zur Sozialkompetenz, all das annehmen zu können ('wollen' ist eine andere Frage, aber 'können' ermöglich mir, mich dafür oder dagegen zu entscheiden, und ich lebe beides: mal Ja!, mal Nö!)

Ganz oft scheint einem, dass sich die Reaktionsmuster von Normalos gegen einem richten. Aber tun das wissenschaftlich ungelöste Aufgaben oder Rätsel nicht auch? Sind es nicht auch Herausforderungen? Versuche? Scheitern? Erneutes Versuchen? Zähne ausbeissen? Erfolg dann?

Anstelle meist subjektiver Theorien des Unnachvollziehbaren, diesem 'Odeur von Exklusivität', empfehle ich, Kenntnisse und echte Kompetenzen (Wissen wie Erfahrung und erfolgreicher Umgang) mit all dem, welches im Kosmos der unteren Glashälfte "normalerweise" sein Dasein erfolgreich bestreitet, ansonsten die Menschheit nicht mehr bestünde. Ich empfehle die Ergründung dessen, was man erst als Dumpf abtut. Ich empfehle die Analyse dessen, was zu schnell als Seichtes, Oberflächliches, Unreflektiertes oder sonst wie Abgelehntes verdrängt wird, um erst einmal die eigens verschraubte (Sloterdijk) Bedürftigkeit zu füttern.

Mir geht es weder um Demut noch Beschränkung - im Gegenteil: Was es wirklich braucht, ist die (soziale) Kompetenz des Miteinanders. Vertrauen, Achtsamkeit, Geltenlassen, Gründe kennen, warum Dinge mehrheitlich (Pyramidenfuss) "so" und nicht "so" gemacht werden. Das entspannt dann die Verhältnisse. In diesen Feb-März-Tagen ist es eine feine Aufgabe, Karneval oder Faschin zu begreifen. Was tun diese Menschen da? Wie können die am Strassenrand verkleidet feiern? Warum lachen die in etwas Alkoholrausch? Was verbindet sie, in Gruppen umherzuziehen? Nächstes Thema: Fussball; nächstes Thema: Vereine; nächstes Thema: Formel 1 oder Boxen oder RTL II, Dschungel-Camp, Frauentausch, Traumfrau gesucht, Bauer sucht, Ich verklage dich und Polizeistreife Duisburg.

Was ist das Geniale an einer BILD-Zeitung? Was ist das Geniale an Windows? Was ist das Geniale an Wasser? Was ist das Geniale an Fussball? Was ist das  Geniale an Sparkassen? an Behörden? an Sozialsystemen? am normalen Alltag?

Dieser Beitrag wird keine Lösung aufzeigen. Allenfalls kann die Frage aufkommen, ob ich als Hochbegabter Mensch vielleicht eine Selbstverantwortung habe, welche Anteile enthalten könnte, mich sozial tragfähig zu gestalten, ob ich lieber lesen und lernen, denken und entwickeln würde - ich aber vierteljährlich meine Steuern zu belegen habe, das Bad zu putzen, Abfall zu trennen und ab und andere Dinge GLEICHZUTUN, als Form von Beitrag für ein Miteinander.

Man kann also tatsächlich auf gefrorenem Eis ins kalte Wasser einbrechen. Vom Ufer her legt sich wer flach aufs Eis, an den Füssen noch von wem anderem Gesichert, einen Stock hinhaltend, an dem man sich erst einmal festhalten und vielleicht herausziehen könnte - man kann in einem solchen Moment auch dem Stock oder dem Rettungsversuch an sich misstrauen, weil man für solche Gedanken genug Fantasie hat: "Vielleicht will der mich nur retten, um mir danach eine satte Rechnung zu stellen? Und wie will er mich über das abgebrochene Eis rausziehen? Und woher sollte der Kraft haben? Ich kenn den ja gar nicht!" Das kann man alles gerne fortfahren. Für mich selber habe ich 2012 entschieden, mich darum zu bemühen, zu vertrauen. Vertrauen ins Fremde, ins Unbedachte, ins Unkontrollierbare und ins Andersartige. A) um nicht verrückt zu werden, B) um nicht einsam zu werden und C) um seither eine Lebenserfahrung weiter zu machen, die so aufreibend ist, wie alles Unerforschte.

Wie Sie das für sich halten wollen, selbst wenn Sie in der Lage sind, Fachleute auszuhebeln, bleibt Ihnen nicht nur überlassen - es bleibt Ihnen so oder so. Es gibt keine halbvollen Gläser. Es gibt, genau betrachtet, auch keine Exlusivität, auch nicht für Genies. Als Mensch bleiben Sie Mensch.

Wie gesagt, mir sind nur ganz wenige Menschen mit dieser Problematik begegnet. Sie haben sich zum jeweiligen Zeitpunkt für sich selber entschieden, im Sinne des Beitrages: Richtung nach oben. Persönlich bin ich in all den Jahren oft ganz glücklich gewesen, nicht so sehr hochbegabt zu sein, mein Durchschnittswert von fünf Tests liegt bei 127 IQ-Punkten. Meine 'Kompetenz' und besonders meine Haltung mag sich daher eher so beschreiben:

  • Ich befasse mich heute mehr mit den Normalos, als mit der HB-Thematik
  • Allenfalls gibt es ein Coaching-Ziel mit der Beschreibung "downsizing"
  • Mir gelingt relativ weitgehend die Brücke im Miteinander - Schlüsselkompetenz für Erfolg
  • Ein Credo von mir in schier allen Coaching-Anliegen:
    "Was brauche ich, um nicht mehr mein Thema zu sein?" - das gilt für HBE und HSP*
*Hochbegabte Erwachsene / Hochsensible Personen
... und wie ganz oben einleitend geschrieben: Es handelt sich bei dieser Ungelöstheit nicht um generell alle Hochbegabten, das wäre komplett falsch. Es handelt sich mE nach um ca. 2% aller Hochbegabten, also um ganz wenige Menschen, die konkret an dieser Stelle nach Lösungen suchen. 


Mit besten Grüssen

Jona Jakob
Bern Zürich Frankfurt Aschaffenburg



Ich möchte an dieser Stelle allen danken, die dem Blog und seiner Thematik 80'000 Klicks bescherten. Das berührt mich immer wieder. Lieben Dank für Ihren Beitrag und das darin liegende Miteinander. - Jona Jakob

Kommentare:

Jenny Ott hat gesagt…

Ich finde diesen Artikel sehr faszinierend. Nach einer gefühlten Ewigkeit des Leugnens und Nichtverstehns versuche ich gerade meine eigenen Begabungen zu begreifen. Und dann lese ich, dass es Menschen gibt, die sich ihrer selbst so sicher sind mit Ihren Begabungen, dass sie gar nicht nach unten schauen.

Jona Jakob hat gesagt…

Willkommen Jenny Ott. Ich las eben diese wunderschönen Worte und danke für den Kommentar. Hätte ich einen Arm weniger, ich würde aufrecht gehen. Hätte ich einen dritten Arm, ich würde aufrecht gehen. Das bedeutet und sagt nicht, dass ich mich und viele andere nicht doch auch erlebe, angeschlagen zu sein. Aber vielleicht sind das alle Menschen. Ich rede das 'nach unten schauen' nicht weg. Auch für mich selber nicht. Das hat für mich aber kausal keinen Zusammenhang, nicht doch aufrecht zu gehen. Das ist kein Ratschlag, das ist nur - wie bei einem Dialog - meine Worte dazugelegt. Deine zählen ... Herzlich, Jona Jakob, Zürich-Bern / Frankfurt-Aschaffenburg