31.07.2018

Der Satz "Ich möchte meine PS auf die Strasse bringen." - Gerne, aber was soll damit gemeint sein?

Das ist vielleicht der meist geäußerte Satz, den ich in den Situationsbeschreibungen von Hochbegabten zu hören bzw. zu lesen bekam. Etwa gleichauf mit der Selbstbeschreibung vom 'Alien / nicht von diesem Planeten'.

Dadurch, dass es mir persönlich aktuell (10 Jahre nach meinem Entdecken) sehr gut gelingt, meine PS auf die Strasse zu bringen, spüre ich / frage ich mich aus diesem Grund speziell, was eigentlich ist für andere Menschen damit gemeint, wenn sie ihre eigenen PS auf die Strasse bringen möchten?

Bild: J. Jakob / 'Spirit of Horgen' ... zu viel Masthöhe, verlängerter Kiel, zu kurzer Rumpf und Speed wie Blöde. War aber kaum zu segeln das Ding. :-)

Was höre ich alles aus diesen Worten heraus?

A) Ich meine, ich höre heraus, dass man mehr Tempo, mehr Speed, mehr Power oder Akzeleration "als die anderen" hat. Man wäre also eine ganz eigene "Maschine / Motor / Fahrzeug", welches spezielle Kräfte / Fähigkeit mit sich bringt.

Und in der Folge: Wer nicht damit umzugehen wüsste, dem würden die Räder (Kontakt zur Greifbarkeit des Bodens) durchdrehen, so dass zwar viel Kraft viele Raddrehungen bewirken würden, aber wenn das für die statische Strasse zu viel wird, ergibt sich kein Vortrieb. Die mögliche Power verpufft.

B) Ich meine herauszuhören: Könnte ich mein Tempo / meine Fahrweise  / ja selbst meinen ganz eigens erfundenen Otto-Motor ohne Wenn und Aber fahren, würde meine Maschine auch funktionieren - ob nun besser oder nicht, sei mal noch dahingestellt.

C) Ich meine der Äußerung zu entnehmen, jemand möchte eher ohne Einschränkungen freie Piste haben, um in eher hohem Tempo auf seine Weise losbrettern zu können.

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Was ich in diesen 10 Jahren noch nie von wem gehört noch gelesen habe, sind Worte, die diesen Satz von den PS und auf-die-Strasse für sich selber auf eine Weise einschränken, also sich selber zurücknehmen, so dass es mit dem Fahren klappen könnte. Das ist keine Kritik - es ist für mich bisher so gewesen.

In mir stellt sich jedoch die Frage: Wer soll diese ominöse "Strasse" sein, die angeblich nicht mitspielt / nicht gut bzw. ideal ist / nicht greift - die einfach wie unbrauchbar dargestellt sei


Wer oder was soll diese Strasse sein?

Einst in der Schule, an einem Tag für Verkehrskunde, stellte der Polizist in seiner Uniform die Frage an uns: "Was ist für euch die Strasse?" Er stand dabei vor einem Plakat, welches die Strasse aus einem Wohnviertel zeigte. Wir sahen also die eigene und andere Strassenseite, Häuser, Fassaden, Fahrradwege, Gehwege, Menschen, Kinder, Fahrzeuge, Tramschienen, etc. "Welchen Teil des Bildes würdet ihr als den Bereich der Strasse bezeichnen?" - so wiederholte der Polizist seine Frage.

Wir nannten alle was anderes. Das beeindruckte mich schon genug, dass wir uns da nicht einig waren. Aber wirklich erstaunt und mich lehrreich erwischt hat mich der Verkehrslehrer, als dieser sagte:

Die "Strasse" ist ALLES, was ihr da seht! Sie geht von der einen Fassade des Wohnhauses bis rüber zur gegenüberliegenden Fassade." - BANG ... bei mir hat das gesessen.  Mein Bild der freien Piste war gelöscht - es stand da neu ein Bild eines unheimlich unterschiedlichen Miteinanders. 

In einem Punkt bin ich mir weiter nicht sicher, was genau ich aus dem Satz heraushören soll: Will die sich äußernde Person sich einfach uneingeschränkt geben können, wie es ihr gerade passt? Möchte sie einfach keine Konzession ans Umfeld machen und allen eigenen Kräften und Fähigkeiten ihren freien Lauf lassen?

Oder wäre ein "Hinbringen" der eigenen PS auf die Strasse vom Gedanken her nicht eher so gemeint, dass man ein berufliches und monetäres Fortkommen hinbringen möchte - was im Bild erst einmal meint: In der Lage zu sein, mit dem eigenen 'Vehikel' Strecke zu machen?

Sind es auf einmal gar nicht mehr die "PS", die zählen? Wäre es vielmehr das "Fortkommen" in Form von Strecke, Kilometern, Wegstrecke, von mir aus auch von A nach B zu gelangen?

Und wenn es um Letzteres ginge, bin ich da alleine? Ist der Wunsch nach freier Piste zwar legitim, aber gelingt dauerhaft erfolgreiches / schadenfreies Forwärtskommen, wenn ich niemanden berücksichtige oder eben, wenn ich mich im Verkehr so verhalte, dass es für alle geht?

Glaubt jemand mit diesem Satz im Kopf, man könne einen Supersportwagen schneller innerorts durch eine Stadt oder Häuser pushen? Habe ich mit meinem Muscle-Car andere Privilegien, als alle anderen Verkehrsteilnehmenden? Meint wer, mit einem riesigen Viermalvier sei jeder Weg zu bestreiten, egal was die Strassensiganlisation anzeigt?

Und doch werden Ferraris, Lambos, Corvetten und schnellste und ps-starke deutsche Wagen durch den Verkehr gelenkt, von der Quartierstraße bis zur freien Piste auf Autobahnen.

Kann es sein, dass es für die Quartier- und Spielstraße eine hohe Kompetenz und Fähigkeit, genannt Fahrzeugbeherrschung, benötigt - gleichso für dichten Verkehr oder wenn über 200 Km/h auf freier Piste das Fahrzeug in einer Art Performance zu führen ist?

Meine persönlichen Wegstrecken (Etappen auf dieser ominösen Strasse) sind:

  • Annahme als Mensch, z.B. in Gesprächen, als Mitglied, Teilnehmer, Partner
  • Arbeitsaufträge, ob face-to-face oder von Unternehmungen, Organisationen, ...
  • Gehalt, Honorar, Geld, Preisakzeptanz, Rendite, Alterssicherung, Urlaub, Reinvest
  • Ausbau meiner Aufgaben, Verantwortung, Anerkennung, Vertrauen
  • Verträge, Abmachungen, Kredit, Bereitschaft, Mitmachen, Engagement

und last but not least

  • Dauerhaftigkeit, Prospektivität, Wachstum, Verwirklichung, Stimmigkeit und ...
  • Wohlsein bei einem hohen Grad an unabhängiger Authentizität.

Das ist aber kein Speedrekord mit einer Rakete auf dem Salzseee, nein, das ist die Kunst des kompetenten Miteinanders. Dort liegt das Moment, wo ich heute meine PS so auf die Strasse bringe, dass die Strasse ihren Zweck erbringen kann, nämlich für mich tragend gut da zu sein. Dann klappt das auch mit meinem mal stärkeren, mal schwächelnden Vortrieb.

Oder wie interpretiert Ihr diesen Satz, den Andrea Brackmann schon geprägt hat?

Beste Grüsse
Jona Jakob, Senior Coach
Zürich, Bern, Frankfurt, Aschaffenburg


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25.04.2018

Gut veranschaulicht: Strategien der Evolution ... und wenn dann etwas "anstrengend" ist ...


Problemlösungsorientiert versus Problemlosigkeitsorientiert

Im Gegensatz, wo sich Hochbegabte 'problemlösungsorientiert' erleben und empfinden, sind die meisten Normalos in ebenso meisten Fällen 'problemlosigkeitsorientiert'. Das mag sich auf den ersten Blick vermessen lesen, doch das ist es nicht. Was es ist: Es sind zwei unterschiedliche STRATEGIEN, also bewusst gewählte Vorgehensweisen, das eigene Leben zum eigenen Vorteil zu gestalten und hierfür Fähigkeiten, Kräfte, Ressourcen und wichtig: Orientierungen über die Evolution zu entwickeln, denn die Besten werden in ihrer Art fortbestehen.

Begabte sind lösungsorientiert - Normalos ticken problemlosigkeitsorientiert. Wirkliches Lösen ist zu anstrengend.

Dies kann in dem am 25. April 2018 erschienenen Beitrag von ZEIT-online aufgezeigt werden:

Pinguinen wurde Fliegen zu anstrengend

Erstmals belegen Forscher, warum Pinguine zu flugunfähigen Vögel wurden. Tauchen fiel den Tieren schlicht leichter. Das zeigen Vergleiche mit anderen Seevogelarten.
Anhand dieses Beispiels zeigt uns nicht der Mensch, sondern seine Evolution, WIE sie tickt. Sie wählt zur Stärkung den Weg des geringsten Widerstandes. 

Die Evolution wählt den Weg des geringsten Widerstandes. Das ist eine ihrer Strategien.

Wir können es also doof, faul, bequem oder sonst wie negativ bewerten, es ist schlicht diese Art von Cleverness. Einzig: Sie entwickelt sich diametral von Strategien Hochbegabter weg, die aus unzähligen Gründen lieber Probleme lösen, entwickeln, verifizieren, differenzieren und multiplizieren, am liebsten mit ihrer Hochzahl. Das HB-Bedürfnis wird im Kern viel mit Annahme und Anerkennung zu tun haben, die uns ständig (zumindest partiell) fehlt. Und deren Bedürfnis ist es, nichts mit was zu tun zu haben. 

Diese Unterscheidung hilft in ganz vielen Fällen, die Handlungsweise anderer zu verstehen. Ich verhandle heute ganz oft mit unzähligen Faktoren, die ich berücksichtige, um für Normalos NICHT ANSTRENGEND zu werden, weder sprechend, schreibend, verhandelnd, etc. Mach es ohne Tam-Tam, ohne Drama-Drama, ohne Betroffenheit, ohne Schwärmen, ohne neue Ideen, ohne Irgendwas. Tu nur das Banale. 

Wer das als Hochbegabte oder Hochbegabter verstanden hat, der kann auch folgende Prüfung der Sache nachvollziehen: 

Entsteht 1 Problem, dann ist des Normalos Idealsituation NICHT, 1-3 Lösungen serviert zu bekommen. Er wird dankbar 1 Lösung nehmen (bloss nicht 12 Lösungen und 5 Meta-Lösungen anbieten!!!). Denn sein grösster Wunsch und sein mächtigstes Bedürfnis ist 0 Lösung und kein Problem zu haben. 

Und das ist jetzt weder schräg, dumm oder sonst wie verwerflich, da mögen wir noch so eine Leistungsgesellschaft sein. Es ist auch nicht verantwortungslos oder sonst wie falsch, lieber 0 Problem und damit 0 Lösung zu wünschen. Es ist nur eine zweite Verfahrensweise, eine weit verbreitete. Und es ist der Hochbegabten ihr Problem, damit erfolgreich umzugehen. 

Hinweis: Schwärmen, Komplimente, Freude, Ausdruck etc. sind für Normalos ebenso anstrengend, wie Nörgeln, Reklamieren, Anstossen, Aufmerksammachen, etc. 

Herzlich

Jona Jakob
Senior Coach | Coach für Hochbegabte Erwachsene
Aschaffenburg Frankfurt | Zürich Bern


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Bild: Grafik ist gezeichnet von Jona Jakob


06.02.2018

Notbegabung: Von Kognitiver Verzerrung bis Resilienz

Ich möchte informieren, dass es neben den Themenfeldern der Begabung und Sensibilität bei mir einen neuen Bereich gibt: die Notbegabung #Nob. Hierfür wurde eine Website und ein Blog eingerichtet.

Websites: www.notbegabung.de und www.notbegabung.ch

Blog: www.notbegabt.de und www.notbegabt.ch

Die bisherigen Beiträge sind noch jung und wenige. Das Thema der 'Kognitiven Verzerrung' hat einen breit gefächerten Hintergrund. Zudem scheint es mir aus den verschiedensten Gründen aktuell aufzukommen, anstelle von Können zu pokern. Die zentrale Methode ist keine, denn sie besteht aus der Technik "irgendwie". Es irgendwie packen, machen, schaffen ... ein all zu menschliches Anliegen in unserer Wettbewerbsgesellschaft.

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Angestossen durch die beiden Bücher von Andrea Brackmann zum Thema Hochbegabung und meiner eigenen Berufserfahrung erlebte ich in den vergangenen zehn Jahren folgende Phasen

  1. Phase: Hochbegabung selber erfahren, entdecken, klären, etc. - Dauer: ca. 6 Jahre
  2. Phase: Aus der Betroffenheit in die Lösung. Dauer: ca. ab dem 3. Jahr bis heute
  3. Phase: Wahrnehmung und Klärung der Normalos: ca. ab dem 5. Jahr bis heute
  4. Phase: Weitere Zentrierung auf Stärkung der Gebräuchlichkeit von HB: seit ca. 4 Jahren
  5. Phase: Zurückstellen der Aspekte der reinen Hochsensibilität: seit ca. 2 Jahren
  6. Phase: (neu) Notbegabung: Es gibt Begabungen ohne überdurchschnnittliche Intelligenz


Der Gedanke hinter dem Wort Notbegabung ist nicht an die Hochbegabung geknüpft. 


Tarnendes Verhalten - Camouflage

Es ist vielmehr ein ältestes Thema aller Wesen, von den Tieren her bis in unsere Tage als Mensch: Camouflage! - Sich aus Gründen des Überlebens zu maskieren, zu überdecken, zu schminken und stylen. Sich zu tarnen und sich erfolgreicher darzustellen, als es allfällige Schwächen zeigen würden. 


Das geht hin bis

  • sich was vormachen
  • mehr Schein als Sein
  • Show must go on
  • sich über alle Massen anpassen
  • sich verstellen
  • Kaspern
  • Verdrängen
  • sich in Illusionen flüchten
  • zu Ersatzhandlungen gelangen
  • sich schlecht fühlen
  • beschönigen
  • sich im Styling verlieren
  • sich für Schönheit operieren lassen
  • etc.


Während Hochbegabte eine hohe Sozialkompetenz entwickeln müssen, um Aspekte aus einer überdurchschnittlichen Intelligenz zu beachten, ...

... ist die Standardsituation Notbegabter und Resilienzgeprägter die, eben nicht über genügend Mittel zur Lösung ihres Lebens und all der Aufgaben zu verfügen. Es "fehlt" etwas, im schlimmsten Fall "fehlt es an Vielem". Die Situation weist einen Mangel an Wissen, Erfahrung, Ressourcen und Unterstützung - kann auch Liebe und Zuwendung sein - aus.


Mehr dazu findet ihr bei diesen Quellen: Website und Blog.





10.01.2018

Hochbegabung: Es ist nicht der missverstandene / unverstandene Anteil der Kommunikation. Es ist der ungesehene Anteil (m)eines Lebens.


Liebe Leserinnen, liebe Leser
Geehrte Begabte und Sensible

Ich schreibe, ich bin mir sicher, den wichtigsten Post zum Thema, den ich in den 10 Jahren zum Thema Hochbegabung geschrieben habe. Der wichtigste.

  • Von mir sind die 'Bunten Zebras'.
  • Von mir sind die 'Vier Generationen Hochbegabter'
  • Von mir ist die Unterscheidung 'Instinktiv denkender Normalos vs. intuitiv denkender Begabter', den sogenannten Resilienz-Checker (Typ II)
  • Ich unterscheide seit Jahren die Idee des denkenden Denkens vs. des fühlenden Denkens
  • Von mir sind die Thesen, dass die Hochbegabung eine Freiheit und eine Verantwortung ist
  • Und last but not least ist es mE wichtiger, Kompetenzen im Umgang mit den Normalos zu haben. Es ist eine Sache, seine Begabung zu kennen - aber wichtiger bleibt es, das Denken, Fühlen, Wirken und Handeln der Normalos vertieft zu kennen.
Das waren bisher meine wichtigsten eigenen Beobachtungen aus zehn Jahren und hunderte von Begegnungen, wie auch eigenste Erfahrungen aus meinem Leben. Dem lege ich jetzt eine mE wichtigste Erkenntnis dazu: 

Hochbegabung / Hochsensibilität: Es ist nicht der unverstandene oder missverstandene Anteil der Kommunikation, welcher viel Leid erzeugt. 

Um die x-fache Potenz oder grösser in seiner Leidens-Dimension ist der UNGESEHENE Anteil (m)eines Lebens als Begabter / Sensibler. 

Das ist ein massiver Unterschied in seiner quantitativen Dimension. Es ist aber auch das viel grössere Problem, weil der 'Ungesehene Anteil' bei keiner Gelegenheit zur Sprache kommt. Das kann u.U. 'killing' werden.

Das erste, das Miteinander und seine Kommunikation ist oft ein (partielles) Unverständnis oder Missverständnis. Dieses ist aber nur von jenem Umfang, den der Kontext in dem Austausch umfasst, z.B. eine Planung. (Auf der Ordinate [senkrecht] die Thementiefe - auf der Abszisse [waagrecht] die Dauer der konfliktären Transaktion).

Beispiel: Wenn sich ein Begabter und ein Normalo in einer Planung nicht an selber Stelle treffen, dann "quält" dies Betroffene im Umfang des Themas Planung und im Umfang der Dauer der Planungsverhandlungen. 

Bild entwickelt von Jona Jakob, Aschaffenburg (c) - 2018.

Was aber nicht zum Vorschein kommt ist jene Dimension, wo Begabte / Sensible in ihrer Form jahrelang gelebt haben und weiter leben. Es ist eine Art 
  • Pool
  • Ozean
  • Becken
  • Berg
  • Massiv
  • Wüste
  • Endlosigkeit
  • Kosmos
  • Blase
  • Enzyklopädie
  • etc. 
was von niemandem erfasst wird. Niemand weiss, was ich alles erfasst habe, vernetze, clustere, rückschauend erkenne, vorausschauend erkenne, fühle, wahrnehme, behalte, checke, unterscheide. Niemand kann die innere Dimension erfassen - aber je ungeschickter und irgendwie "fremder" ich mich gebe und ausdrücke, vielleicht sogar bereits als Autist es schier nicht schaffe, desto absonderlicher hält man mich, nimmt mich nicht ernst, erkennt mich nicht. Man schaut vielleicht sogar bewusst weg. 

Alle Anteile, die von mir nicht gesehen werden (können), können weder angenommen noch geliebt werden 
(Maslow-Bedürfnispyramide: Existenzielle Bedürfnissstufen 
1-3; die 3. Stufe: Soziale Annahme). 

Ich vereinsame mit meinem Leben.

Ein Begabter / Sensibler wird nicht nur dann (partiell) nicht verstanden und damit aberkannt / verkannt, wenn ein Miss- oder Unverständnis in einem Gespräch oder einer Begegnung vorfällt, was bisher als einer der grössten Knotenpunkte der Thematik 'Hochbegabung' gehandhabt wurde.

Nein, es kann mit meiner Betrachtung nun so sein, dass dies nur einen Bruchteil dessen darstellt, was alles nicht erkannt wird. Wir können getrost von 1 % sprechen und 99% des Begabten-Lebenshintergrundes, der gar nicht erfasst wird. 


Wie erkläre und differenziere (s)ich das?

Mein Dasein als (begabter) Mensch besteht nicht alleine aus den Momenten, wo ich mit jemandem im Kontakt stehe, mal recht, mal schlecht. Das ist nur ein Teil meines gelebten Daseins. Der viel grössere Anteil ist jener, in dem ich lebe, erfahren, aufnehme, mit allen fünf Sinnen und meinem Denken und Fühlen AUFNEHME. In diesen Momenten bin ich meist still / wortlos / ohne Gespräch. Ich lese und bleibe mit meinen Gedanken für mich. Ich reise und bleibe mit meinen Wahrnehmungen für mich. Ich erfahre Kunst, Liebe, Arbeit, Menschen, Geld, Probleme, Krankheit, Belastungen, Entwicklungen, etc, etc. etc. für mich alleine. Und was begabte Menschen eben meist ausmacht, ist nicht eine so oder so gelagerte Intelligenz, sondern eine überhöhte Fähigkeit, Fakten und Informationen zu bunkern / lagern / durchzurechnen / zu checken / zu zerkauen / zu verdauen. 

Suizide namhafter Künstler - ob mit oder ohne Depression, Drogen, etc. - sind nicht, wie es die Presse stets meint, an der pathologischen Mixtur der aktuellen Situation gestorben. Die war, wie oben die "1%", nur der letzte Tropfen im übervollen Fass. Ihre Drogen, Abstürze, Eskapaden, Depressionen, die könnte wesentlich mehr daher kommen, dass für sie "Normalos" schon den Künstler an sich in seiner Dimension 'wahnsinnig heftig / geil / cool / könnend / talentiert / etc.' fanden. Aber für diesen Menschen (z.B. Prince) war das ein Klacks. Für diesen Menschen war sein Leben seine alleine zu tragende Dimension, unfassbar gross, tief, hoch, breit, voll, dicht, heftig, dynamisch, etc...

Und dass DAS niemand ansprach, aufgriff, versuchte zu erfassen, (wenn man das schon in sich hat), das muss zu der Empfindung führen, "absolut sinnlos was abzuliefern, selbst wenn man gefeiert wird und reich wurde - es sind nur alles Banausen - niemand weiss wirklich, was in mir steckt). Man fühlt sich sinnlos, wenn es niemand wahrnimmt und einem damit in den Kontakt, also die Annahme zieht. 

Die Zahl grosser Menschen, Denkender, Fühlender, Gestaltender, Bewegender, Spielender, etc. ist gross genug, nochmals genau nachzuschauen, woran genau jemand seinem Suff verfiel, seinem Rückzug, in seine Menschenscheu und Ablehnung oder Formen von Wahn bis hin zum Selbstmord oder sonst dramatischen Tod trieb. 

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Seit zwei Wochen läuft auf Sky Atlantic eine neue Serie mit dem Titel 'The good doctor'. Ein autistischer junger Mann ist Arzt und möchte nun Chirurg werden. Er kriegt die Assistenzstelle nach unzähligen Widerständen. Ich sehe mir die erste Folge an. Es gibt Szenen, wo er mit seinem enormen Wissen unmögliche Probleme löst und Menschen das Leben auf unkonventionelle Art und Weise rettet. Als (Normalo-)Zuschauer ist man natürlich auf diese spannenden Szenen fixiert, wie schon immer. Aber womit mich die erste Folge der Serie antriggerte und völlig aus der Fassung brachte, bis ich hier schreiben konnte, sind Szenen und Sekunden, wo der junge Mann mit seinem verlorenen Blick nichts tut und nur wo dasteht, nur schaut, nur langsam wo hingeht oder wo sitzen bleibt, als würde die Welt und die Zeit stehen bleiben. DAS sind die Momente, wo the good doctor LEBT. Dann nimmt er wahr, nimmt auf, checkt, reflektiert, überdenkt, denkt um, sucht, findet, entwickelt. Man muss sich diese Aufnahme von Informationen wie einen 3-D-Laserscanner vorstellen, der einfach Zeit und Raum abscannt und aufnimmt, restlos alles. In seinen unscheinbarsten Momenten ist der Begabte die Denkmaschine, die er ist. Da ist er der Begabte und Sensible. Wenn er dann als Arzt seine Leistung abdrückt, dann sind das nur die Brosamen dessen, was er eigentlich umfassen würde. 

Nach der Folge verliess ich das Bett - und nur weil ich mich und das Thema kenne, konnte ich mich halbwegs retten. Aber vor dem Bild und Gefühl, nicht in meiner Unverstandenheit zu leiden, die noch halbwegs verkraftbar ist, sondern von je her in meinen allegrössten Anteilen ungesehen verblieben zu sein, ob von Vater, Mutter, Geschwister, Kollegen, Chefs, ex-Frau, etc. etc. das habe ich vielleicht noch gar nicht verarbeitet. Denn das erzeugt in mir die Wucht, wie wenn ich auf einer Skipiste stehen würde, ins Tal schauend ... und dann schiesst mich der Druck einer Monsterlawine vom Fleck, wirbelt mich durch Luft und Sturm, Gemenge und die Last dessen, was danach auf mir liegen bleibt. 

Es ist viel weniger das Unverstandene - es ist viel mehr das Ungesehene. Oder bitter gesagt: Schöner ist es, missverstanden zu sein, als gar nie erst angesprochen zu werden.

Ich kann bei der Betrachtung unzählige Situationen erkennen, wo ich weitaus mehr verstehe, warum jemand seine Begabung erkennt - und dennoch keine Lust hat, sich zu versuchen. All die Underarchiever zum Beispiel. Sie nicken verständnisvoll, da sie das alles wahrnehmen - sie kommen aber nicht in die Gänge. Alle Ratio greift nicht, weil der ungesehene Anteil, das was im Alltag schlicht untergeht, nicht erfasst wurde, nicht erfasst wird. 

Das ist vermutlich der einleitende Gedanke zu einem tiefen Kapitel. 


Jona Jakob 
Coach für Hochbegabte / Hochsensible Erwachsene
Zürich und Bern - Frankfurt und Aschaffenburg



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