05.01.2010

Cranio Sacral

Ich wusste nicht, worauf ich mich einlassen wollte. Ich war einfach nur noch hungrig danach, dass etwas geschehen würde. Ich beschrieb mich als vergiftet, toxisch, kontaminiert, zellspeichermässig vernarbt, so dass ich seit langer Zeit einer Beschreibung nachhing, die mich ernsthaft krank fühlen liess.

Ich hatte und ich habe nichts. Jedenfalls nicht physisch. Kein Kopfweh, keine Migräne, keine Gelenkschmerzen, nie Rückenschmerzen, kaum Bluthochdruck, ich bin bestenfalls selten Mal verspannt und das meist von den langen Autofahrten. Ich habe nichts.

... so dass ich seit langer Zeit einer Beschreibung nachhing, die mich ernsthaft krank fühlen liess. Ich suchte. Ich suchte bereits in der Ehe nach einer Möglichkeit, mich hingeben zu können. Ich suchte jemanden, der mich liest. Dazu musste ich jemanden finden, der vermochte, mich lesen zu können. Ich fand niemanden. Kein Angebot, keine Form, keinen Ort, keine entsprechende Person. Ich will hier niemandem unrecht tun - das alles habe ich subjektiv für mich so wahrgenommen - aber eben, ob mich jemand lesen kann, das fühle ich und ich fühlte bei all den Angeboten nichts. Es müssen vier Jahre und vier Beziehungen vergangen sein, zwei davon mit mir eigenen Limiten an Schmerz und Trauer, bis ich irgendwann auf eine Spur geriet.

Mich selbst einschätzend, beschrieb ich mich, wie oben geschrieben, als vollkommen vergiftet. Vergiftet und verkrampft vom Schmerz und den Zurückzuckungen aus Verletzungen, Unverstandenheit, Unbeachtetheit und sagenhaften, jahrelangen Zeitstrecken, in denen es niemandem, ich muss leider notieren, niemandem gelang, mich mit genügend Empathie entgegen zu nehmen, bis ich für mich einen Moment lang mit mir bei jemandem sein konnte, der mich einfach so annahm. Die einzigste, wunderbare Frau, die das doch einmal vermochte, ist verheiratet und sollte bei ihrer wunderbaren Familie bleiben. Sie ist in der Lage ... aber was nicht geht, geht nicht. Ansonsten muss ich es so ausdrücken, dass es nicht entstand, was ich ich bitter nötig hatte, auch dann nicht, wenn ich darum bat oder sogar bettelte.

Who cares? Bleib bei dir, schau es dir an, was hat es mir dir selber zu tun? ... so die lakonischen Fluchten als Antwort all jener, die mich in meiner Schwäche erkannten. In die Selbstverantwortung stellen - ok - das macht ein Hausarzt auch, wenn etwas Grippe die Tage belegt: Gehen Sie nach Hause, ruhene Sie sich aus, reiben Sie sich ein, warten Sie eine Woche, wird schon! - basta. Aber wenn die Krankheit des Patienten massiger wird, dann wird kein Hausarzt die Selbstverantwortung bei Rate ziehen. So ein Quatsch. Dann wird jemand von ihm selbst oder wenn noch heftiger, von einem Spezialisten 'be-hand-elt'.

Ich bin der tiefen Überzeugung, dass der Glaubenssatz von der Selbstverantwortung nicht wörtlich meint, man müsse alles und jedes selische und psychische mit sich selber aus-arbeiten, man müsse nur genug auf sich selber schauen. Allein das dritte Maslowsche Bedürfnis der sozialen Annahme spricht dagegen. Annahme. Auch und gerade dann, wenn jemand nicht mehr kann. Und wenn ich auf mich selber schaue, dann kann man mir sehr viel vorwerfen, aber nicht, dass ich a) nicht auf mich schaue und b) nicht auch auf viele andere schaue - mir also die Annahme nicht zu geben .... das sagt mehr über Peter aus, als über Paul. Aber man kann der Annahme auch nicht fähig sein - schlicht nicht fähig ... und das ist erneut nicht zu werten. Geht dann einfach nicht. Ist ok. Ist kein Vorwurf.

Für meine wohl 15 Jahre ohne grosse Empathie war das zuletzt, als es mehrfach hoch verletzlich war und kaum noch erträglich, gefährlich. Lebens-gefährlich. Ich hätte mich an gewissen Tagen nicht verwundert, wenn mein gesunder Körper vor Schmerz und Trauer und Verlusttrauer einfach aufgehört hätte zu funktionieren. Ich fürchtete an Tagen den Tod. Ich wünschte ihn mir an andern Tagen schon schier herbei. Schmerz. Ein unsägliches Gift in meinen Zellen. Eine Verkrampfung meines Seins, welche sich in meinem Atem, in meiner Brust, in meinem Rücken und in meiner Haut niederschlug. Gift. Toxin. Lähmung.

Mich erreichten aus purem Zufall Zeilen einer mir unbekannten Frau. Sie war von meiner unten stehenden Reflexion zu den Distanzen berührt. Ich antwortete. Es folgten von ihr zwei Antworten. Zwei Antworten. Beide je ca. ein Seite A4 lang.

Was ich las, an Sprache, Stil und Inhalt, war feinstes Öl für meine Fasern. Ich kann es nicht beschreiben, aber es erreichte mich ganz. Ganz - so wie es das Wort zu umschreiben versucht: GANZ! Ich suchte bei der jungen Frau rum und fand ihr Angebot neben anderem: Cranio Sacral Therapie, Frankfurt. Erneut eine Website, welche mich berühren konnte. Klarheit, Sache aber dennoch, mich erreichten Schlüsselworte wie 'long tide' ... und obwohl mir zu Cranio Sacral mehr eine Therapie erklärt wurde, die sich mit konkreten Körperverletzungen beschäftigt, hatte ich in mir den Zugang, meine Schmerz-Vergiftung als eine physische Körperverletzung zu vertehen.

Ich fragte an, da wir uns nun von den Nachrichten her kleinwenig kannten, ob sie sich vorstellen könnte, mich entgegenzunehmen - wenige Tage die Antwort, dass sie es schätze, auf diese Weise rücksichtsvoll angefragt zu werden und sie sagte: ja.

Im Dezember, wenige Tage vor Weihnachten, fuhr ich mit dem Wagen nach Rodgau, setzte mich in sie S1 und fuhr nach Frankfurt. Ihre Räume liegen wenige Meter vom Hauptbahnhof an einem Strassenstück, dass mir gut bekannt war. Ich läutete und stieg dann die drei Treppen an. Ohne zu wissen, wem ich begegnen würde, fühlte ich mich bereits im Treppenhaus wohl und ohne jeden Vorbehalt. Wir begrüssten uns, lachten und setzten uns in den warmen, weichen, dämpfenden Raum zum Tee. Erst blieb uns ein Moment der Stille. Nach einem sehr verwöhnenden Gespräch zwei geschulter Zuhörer, welche einjeder dem andern möglichst allen Raum gewährte, legte ich mich auf den Massagetisch und sank ein.

Liebe Leserinnen und Leser
Ich weiss nicht, was genau mit mir gemacht wurde. Alles war sehr leise, ruhig und zart. Es war irgendwie hauchfein, wie von Zauberhand geführt, anschmiegsam, gelenkig. Es begann bei den Füssen und den Kniengelenken. Es setzte sich an jeweils einem Arm fort, den Schulterblättern, dem Hals. Und es fand für mich seinen Höhepunkt am Kopf. Mein Kopf wurde gehalten. Ich wendete ihn mehrfach hin und her und die Hände wogen ihn. Ich suchte mit dem Kopf. Und die Hände blieben bei mir. Ich wollte in sie eintauchen, in diese Hände. In ihr Halten, in ihre Wärme, in ihre Kunst, mich zu lesen, als würde mir ein Kabel sämtliche Daten aus dem Kopf saugen und ablesen. Ich wendete meinen Kopf, während mir die Tränen links und rechts aus den Augen flossen und sich mein Atem unter meinem Brustkasten wölbte. Mein Kopf liess ab, was er abzulassen vermochte, da fragte mich eine leiszarte Stimme: "Was macht dein Kopf?" ...

"Was macht dein Kopf?" ... mein Nasenatem schnaubte tief aber regelmässig und bat auf diese Weise um etwas Bedenkzeit. Da antwortete es aus mir: "Er sehnt sich." - "Ja." Erneut schoss mein Kopf von links nach rechts, um an diese Hände zu kommen, die feinst und zartest mit ihm wogen, als wären sie ganz und gar um ihm herum. Die Stimme fragte: "Wo am Körper kann ich hierfür etwas für dich tun?" - wieder atmete meine Nase tief und regelmässig und ich liess mir jede Zeit, diese Antwort zu fühlen - da liess ich mich gehen. Mein Arme lösten sich, schwangen nach oben und ohne jedes Rucken oder Befremden legten sich meine Hände auf ihre Hände und zogen diese auf mein Gesicht. Dort legte ich ihre Hände ab. Links und rechts der Nase. Da sie an der Kopfseite stand, lagen ihre Handballen auf meiner Stirn, die Innenflächen leicht über meinen geschlossenen Augen, die Daumenballen am Nasenrücken und die Finger über meine Wangen, so, dass die Fingerspitzen über meinen Lippen zu liegen kamen. Dort hielt ich sie fest, ohne sie festhalten zu müssen. Mir liefen still die Tränen. Mir lief alles aus. Ich atmete Mutter. Ich atemete Liebe. Ich füllte mich von jenem Sehnen. Jemand las mich, eben, mit den Händen auf meinem Gesicht. Ich gab alles ab und sank. Es dauerte. "Danke", mein leises Zeichen. Da legten sich weich Decken über mich und ich blieb liegen, während sich die Frau oberhalb meines Kopfes setze, wo wir zuvor Tee tranken. Ich lag. Ich lag in meiner Senke. Hände. Empathische Hände. In meinem Gesicht.

Mein Körper arbeitete nun zwei Wochen lang weiter. Jedenfalls tat er Dinge, die er noch nie oder seit mehr als 10 oder 20 Jahren nicht mehr getan hatte. Er zitterte. Er richtete sich auf. Er erkältete sich und hustete ab. Er blockierte seinen Darm um danach alles los zu werden, was an Gift und Galle noch in ihm steckte. Er baute eine neue Flora auf. Er verlor etwas Gewicht. Er änderte seine Geschmacksbedürfnisse. Und auch intim gelang in Gelassenheit, was mehr als 10 Jahre nicht mehr zu vollbringen war.

Ob ich mich schon zurück habe, das will ich noch gar nicht wissen. Ich wäre fast enttäuscht, wenn .... Egal, was zählt ist die Gewissheit, dass mir niemand mehr je erzhählen wird, was ich alles alleine regeln sollte, wenn ich nur genügend wollte. Es wird mir auch niemand mehr erzählen, es läge irgendwas an mir, wenn mich ungenügende Empathie schlicht nicht 'sacken' lässt, egal, wie Sie das nun lesen und interpretieren mögen. Vielmehr ist mir damit bestätigt, dass ich mehr als richtig funktioniere ... stimmt das Angebot nicht, entziehen sich meine Zellspeicher ... all jenes, was als Physis fühlend denkt, wenn es Prügel einsteckt, wenn es zurückgestossen wird, wenn es nicht ankommen kann oder eben, wenn umgekehrt, das Ganze fürs Ganze aus dem Andern kommt, so dass ich bei mir schauen und sehen kann, wie stimmig ich bin und wie richtig ich funktioniere.

Es möge mir verziehen sein, was ich hier schreibe....die Verletzungen der Zeit können alle für etwas gut gewesen sein, aber deshalb sollte es dennoch Momente geben, wo Richtiges, Echtes, Gutes und Liebe von solch zugewandt vorbehaltloser Empathie sind, dass auch diese für etwas gut sind, nämlich für etwas richtig Gutes - Mich!

Nicht 'Denkt dran!' - nur wenn ihr mögt: 'Könnte es für euch auch 'etwas' geben?'

Jona Jakob - Neu.

1 Kommentar:

Kerstin hat gesagt…

Lieber Jona,

Dich in diesem Beitrag lesend, spüre ich Deine Dankbarkeit gegenüber Deinem Erlebten und nun verstehe ich auch die Worte von Gabriel Marcel:

"Dankbarkeit ist die Wachsamkeit der Seele gegen die Kräfte der Zerstörung"

verbunden

Kerstin